The Chaos Chasers MC: Jayce

Originaltitel: Jayce (The Chaos Chasers MC Book 2)
Übersetzer: Franziska Dinkelacker

Erschienen: 03/2023
Serie: The Chaos Chasers MC
Teil der Serie: 2

Genre: Motorcycle Club Romance, Romantic Thrill
Zusätzlich: Second Chance

Location: USA, Texas


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-580-8
ebook: 978-3-86495-581-5

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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The Chaos Chasers MC: Jayce


Inhaltsangabe

Jayce

Das einzige Mädchen, dem jemals mein Herz gehörte, ist zurück in der Stadt. Die Nachricht trifft mich wie ein Hammerschlag und verhindert jeden klaren Gedanken. Alles, was ich sehen kann, ist sie. Aber ich muss sie auf Abstand halten, um sie zu beschützen. Vor den Gefahren, die dem Club nach wie vor drohen, und vor … mir. Vor der Dunkelheit, die in mir steckt, seitdem meine ganze Familie ermordet wurde.

Die Grenzen, die ich gezogen habe, verschwimmen schnell, als der Spiders MC Alexia bedroht. War es mein größter Fehler, sie von mir zu stoßen? Vielleicht. Aber spielt das jetzt wirklich noch eine Rolle, wo sie ihr Herz unwiderruflich vor mir verschlossen hat?

Alexia

Twican. Heimat. Ich hätte schon vor Monaten zurückkehren sollen. Aber jetzt bin ich zurück, und meine widersprüchlichen Gefühle erinnern mich daran, warum ich meine Rückkehr verschoben habe. Warum ich überhaupt daran gedacht habe, gar nicht mehr zurückzukommen.

Ihn zu sehen tut weh. Ihn nicht berühren zu können, wenn er so nah ist, ist reine Folter. Jayce. Meine erste Liebe. Mein erster Kuss. Mein erster Herzschmerz.

Liebe ich ihn noch? Nichts könnte mich je davon abhalten. Obwohl ich weiß, dass er mich gar nicht mehr will.

Über die Autorin

Die Autorin C.M. Marin schreibt romantische Motorcycle Club-Liebesromane mit Krimi-Faktor sowie zeitgenössische Liebesromane. Sie ist durch und durch ein Kleinstadtmädchen. Ruhe und Natur sind alles, was sie wirklich braucht … solange dort auch eine Kiste voller Bücher sowie eine große Auswahl...

Weitere Teile der The Chaos Chasers MC Serie

Leseprobe

Jayce

„Alles in Ordnung, Jay? Du siehst verdammt müde aus. Wie hältst du das nur durch?“
Mit leiser Stimme reißt Nate mich aus meinen melancholischen Gedanken, als er ins Zimmer kommt und sich an die Wand vor dem Bett lehnt.
Ich seufze. „Ich kann einfach nicht schlafen. Ich habe verdammte Angst, dass irgendwas schiefläuft, auch wenn der Arzt sagt, dass sie auf einem guten Weg ist. Komplikationen passieren nun mal“, sage ich. „Ich glaube, es wird mir besser gehen, wenn etwas mehr Zeit vergangen ist. Wenn sie wieder eine Weile zurück im Club ist.“
Er nickt und fährt wenig später...

...fort: „Wie steht es um euch beide? Liam sagt, sie wird hierbleiben, bis sie völlig genesen ist.“
Wir beide. Mist. Ich sollte ihm antworten, dass es seit über einem Jahr kein „wir beide“ gegeben hat. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir es immer noch sind und immer sein werden.
„Ich habe es vermasselt mit ihr“, sage ich stattdessen.
Nate seufzt. „Ja, das hast du wohl. Aber ich habe gehört, dass sie dich immer noch liebt.“
Das war nicht genau, was sie gesagt hat, aber ich weise ihn nicht darauf hin. Ich will lieber nicht an den Moment denken, als sie in einer Pfütze aus ihrem eigenen Blut lag.
„Ich war damals so am Arsch, weißt du? Und ich hatte so eine panische Angst davor, sie zu verlieren. Ich wollte sie so weit weg von unserem Mist wie möglich.“
„Was irgendwie bescheuert war, weil ja ihr Bruder hier ist“, kontert er, ohne groß über seine Worte nachzudenken.
Ich stöhne. „Wie gesagt, ich war total am Arsch. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo sie jetzt sicherer ist, hier oder irgendwo anders. Verdammt noch mal, Nate. Sie ist keine drei Wochen zurück und liegt in einem beschissenen Krankenhausbett und wäre fast gestorben.“
„Das heißt, du wirst nicht versuchen, mit ihr ins Reine zu kommen?“, beharrt er.
Ich schnaufe und weiß nicht, was mich mehr ärgert, seine Fragen oder meine Ahnungslosigkeit darüber, was zur Hölle ich eigentlich will.
Endlich sage ich: „Ich weiß sowieso nicht, ob sie möchte, dass wir das wieder hinbekommen. Jetzt muss sie sich erst mal ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Der ganze andere Mist kann warten. Bis dahin werde ich sie so gut wie möglich im Blick behalten.“
Das Gute daran, dass sie wieder in Twican wohnt, ist, dass ich jetzt nicht mehr stundenlang fahren muss, um ein Auge auf sie zu haben. Aber das bedeutet auch, dass sie dieses Mal weiß, dass ich sie beobachte. Und egal, was sie gesagt hat, als sie auf der Schwelle zum Tod stand, ich ahne, dass sie nicht besonders glücklich darüber sein wird.


Alexia

„Du machst Witze. Das hat sie nicht wirklich gemacht!“, sage ich lachend und zucke nur kurz zusammen, als ein stechender Schmerz in meine heilende Wunde fährt.
„Ich schwöre, das hat sie. Ich meine, ich habe gespürt, wie sie ihre verdammten Zähne in meinen Schwanz gegraben hat. Wer macht denn so was? Echt jetzt, wer macht so einen Scheiß? Das macht man einfach nicht. Nie!“
Ben und seine Probleme. Wenigstens wird mir so nicht langweilig. Eine Woche ist seit der Schießerei vergangen, und jetzt, wo der Schock nachlässt, kann ich langsam auch wieder lachen und sogar darüber scherzen, dass mir die Langeweile gerade so tödlich vorkommt wie eine Kugel. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mich bald umbringen wird, den lieben langen Tag diese weißen Wände anzustarren. Dabei bin ich gar nicht allein, denn wenn nicht gerade Liam und Jayce mit sorgenvollen Gesichtern bei mir stehen, gibt es irgendeinen anderen Chaser, der mir Gesellschaft leistet. Aber ich habe diesen Ort schon seit geraumer Zeit satt.
Gerade ist es Ben, der mich besucht. Es sieht bequem aus, wie er da in seinem Stuhl hängt, die Arme vor der Brust verschränkt und die Füße auf meinem Bett hochgelegt. Er ist super darin, mich von meinem wachsenden Ärger abzulenken. Aber so ist Ben nun mal, das überrascht mich nicht. Er hat die letzte Stunde damit verbracht, Anekdoten über Dinge zu erzählen, die ich während meiner Abwesenheit von Twican verpasst habe.
„Aber hat sie fest zugebissen?“
Keine Ahnung, warum ich das frage. Muss die Langeweile sein, eine andere Erklärung habe ich nicht.
„Glaub mir, meine Liebe, ich habe ihren fleischfressenden Mund von meinem Schwanz weggeschoben, bevor ich herausfinden konnte, ob sie das getan hätte. Manche Leute sind nicht richtig im Kopf, ich schwör’s. Das ist jetzt … acht Monate her und ich kann ihre Zähne immer noch auf meiner Haut spüren.“
Ich lache noch ein wenig mehr über sein entsetztes Gesicht, als er an den Moment zurückdenkt.
„Was ist so lustig? Sagt schon“, fragt Liam gedehnt, während er lockeren Schrittes an mein Bett kommt. Ich muss wohl zu laut gelacht haben, um die Tür zu hören.
„Ben bringt mich auf den neusten Stand und erzählt mir alles, was ich so verpasst habe“, sage ich, während mein Bruder mir einen Kuss auf die Stirn drückt. „Er hat mir gerade von der Schwanzbeißerin erzählt.“
„Den Mund will ich ganz bestimmt nicht auf meinem Schwanz“, sagt mein Bruder und erschaudert übertrieben.
Ich simuliere einen empörten Ton und sage: „Auf die Vorstellung kann ich verzichten, vielen Dank auch.“
„Wie geht es dir?“
Ich drehe mich zur Tür herum, als ich Jayce’ tiefe, ernste Stimme höre. Ich hatte seine Anwesenheit überhaupt nicht bemerkt, aber es überrascht mich nicht, dass auch er wieder da ist.
„Gut“, antworte ich schroff.
Jayce und ich haben nur wenige Worte gewechselt, seit ich aufgewacht bin. Eigentlich haben wir überhaupt nicht miteinander gesprochen. Andererseits ist es auch schwer, sich mit jemandem zu unterhalten, der nicht im Raum bleibt, es sei denn, jemand anderes ist auch da. Er vermeidet es gut, mit mir allein zu sein. Sehr gut sogar. Und er versucht nicht einmal, das zu vertuschen. Meistens sind er und Liam hier bei mir. Wenn Liam das Zimmer verlässt – selbst, wenn er nur aufs Klo geht – verschwindet auch Jayce und schickt jemand anderen, um ein Auge auf mich zu haben. Vielleicht glaubt er, dass es zu offensichtlich wäre, jemand anderen zu bitten, mit ihm zusammen hierzubleiben.
Sein lächerliches Verhalten kotzt mich jedenfalls an, seit ich genug Kraft habe, um angekotzt zu sein. Ich bin auch wütend, weil mein verräterischer Körper – anders als mein Kopf – anscheinend immer noch nicht vergessen hat, dass ich diesen Kerl hassen sollte. Stattdessen wird mir jedes Mal ganz anders und Hitze wallt in mir empor, sobald er in der Nähe ist. So wie jetzt: Es reicht, ihn an der Wand neben der Tür lehnen zu sehen, die Hände locker in die Taschen seiner dunklen Jeans gesteckt, um ihn zu begehren. Eigentlich ärgert mich das noch viel mehr als die Tatsache, in diesem Krankenhaus festzusitzen. Und darum habe ich beschlossen, ihm immer nur einsilbig auf seine Fragen zu antworten. Er fragt sowieso immer das Gleiche. Wie geht es dir? und Hast du Hunger? Oder eine abgewandelte Form der gleichen Fragen. Macht keinen Unterschied.
„Hattest du genug zum Mittagessen? Ich kann dir was holen.“
Und manchmal beide Fragen hintereinander.
„Ich habe genug gegessen.“
Okay, das war mehr als eine Silbe.
„Und einen leckeren Kuchen zum Nachtisch hat sie auch bekommen“, sagt Ben und ich grinse ihn an. „Eine nette Krankenpflegerin hat mir ein Riesenstück gebracht“, fügt er prahlerisch hinzu.
Als die Krankenpflegerin während des Mittagessens gekommen ist, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist, warf ihr Ben seinen Hundeblick zu und fragte, ob es eine Möglichkeit gäbe, auch ein Stück von dem Kuchen zu bekommen. Und da niemand – zumindest keine Frau – seinen Augen und süßen Grübchen je widerstehen konnte, kam sie fünf Minuten später mit einem riesigen Stück köstlichem Schokokuchen zurück.
„Hast du sie flachgelegt oder was?“, grinst Liam.
„Habe ich nicht, aber sie war ziemlich heiß für eine MILF.“
Mein Bruder kichert. „Ich habe gehört, dass du in letzter Zeit nicht viel gevögelt hast. Und dass du sehr wählerisch geworden bist.“
Ich habe keine Ahnung, was er damit meint, aber Bens gute Laune verschwindet in null Komma nichts und er funkelt Liam wütend an. Auch Jayce schaut wütend, aber nicht zu Liam, sondern zu Ben.
Jetzt will ich wissen, worum es hier geht. Fast erbreche ich mein Mittagessen, als mir ein Gedanke kommt. Schlafen Ben und Jayce etwa mit derselben? Nein, das ergibt keinen Sinn. Ben ist kein Beziehungstyp. Obwohl, vielleicht ist er das mittlerweile. O Gott, haben etwa beide Gefühle für dieselbe Frau?
Nein, stopp. Das geht mich nichts an. Ich frage mich trotzdem. Allein beim Gedanken an Jayce mit einer anderen wird mir schlecht, die Vorstellung, dass er in eine andere verliebt sein könnte … Ich weiß, ich sollte mich nicht so gehen lassen, aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ich muss wieder an den Tag vor dem Buchladen denken, als er mir gesagt hat, dass er mich liebt. Das habe ich nicht geträumt. Ich weiß, dass er es gesagt hat, aber vielleicht hat er es nicht so gemeint.
„Hey, alles okay?“
Liam reißt mich aus meinen Gedanken, und als ich den Blick hebe, sehe ich die Besorgnis in seinen Augen. Erst daran merke ich, dass ich beim unerfreulichen Gedanken an Jayce mit einer anderen zu zittern angefangen habe. Eben der Jayce, der seinen Platz an der Wand verlassen hat und nun ebenfalls mit sorgenvollem Gesicht in meine Richtung läuft. Ich öffne den Mund, aber die beruhigenden Worte, die ich sagen wollte, lösen sich in Nichts auf, als die Tür aufgeht.
„Hey … hallo zusammen“, sagt Erin mit einem schüchternen Lächeln.
Wir haben während der letzten Woche öfter miteinander gesprochen. Sie ist eine Krankenpflegerin in der Ausbildung, die hier in Twican ihr letztes Praktikum vor dem Abschluss macht. Es hat sich herausgestellt, dass wir für etwa zwei Monate zusammenarbeiten werden, wenn ich endlich irgendwann meinen neuen Job in genau diesem Krankenhaus antreten kann. Ich hätte nächsten Montag anfangen sollen, aber aus offensichtlichen Gründen hat sich das auf unbestimmte Zeit verschoben.
„Hey, Erin. Wie geht’s?“, frage ich und lächle, um ihr die Befangenheit zu nehmen.
Soviel ich weiß, ist Erin ziemlich schüchtern. Und ich bin mir sicher, dass die Anwesenheit dieser Typen ihr nicht unbedingt hilft. Mit dem ganzen Leder, ihren Muskeln und den Tattoos können sie sehr einschüchternd wirken, wenn man sie nicht kennt.
„Mir geht es gut, aber wie geht’s dir?“
„Ich bin bereit, von hier zu verschwinden. Bist du gekommen, um mir die gute Neuigkeit zu überbringen?“ Während sie sich meinem Bett nähert, werfe ich ihr einen hoffnungsvollen Blick zu, der vermutlich eher jämmerlich aussieht.
Die Grimasse, die sie schneidet, sagt alles, aber sie antwortet trotzdem. „Ich bin nur gekommen, um dich umzuziehen, tut mir leid. Aber Dr. Emerson hat gesagt, dass er später nach dir schauen will, vielleicht ist heute ja doch noch dein Glückstag.“
„Dazu ist es noch zu früh“, entscheidet Liam und schüttelt den Kopf.
„Ja“, stimmt Jayce ihm zu.
„Keiner von euch ist Arzt“, gebe ich lahm zurück, als ob sie das nicht selbst wüssten.
Erin wirft den Jungs einen schnellen Blick zu und fragt dann: „Können wir ein bisschen Privatsphäre haben?“ Ihr wäre es sicher lieber, sie würden das von allein kapieren, wenn sie in den Raum kommt, anstatt sie jedes Mal aufs Neue dazu auffordern zu müssen. „Ich verspreche, dass es nicht lange dauern wird“, fügt sie schnell hinzu.
Sie hat schon bemerkt, dass meine Bodyguards mich nur ungern aus den Augen lassen, selbst wenn es nur für einen kurzen Moment ist.
„Hast du einen Freund, Erin?“, fragt Ben unvermittelt und bewegt sich keinen Millimeter, um ihrer Aufforderung nachzukommen.
Verblüfft über seine Frage blinzelt Erin zweimal, bevor sie eine Antwort stottert. „Nein. Nein, habe ich nicht.“
Er brummt enttäuscht und fährt immer noch sitzend fort. „Aber als du einen hattest, hast du ihm da je in den Schwanz gebissen?“
„Um Himmels willen, Ben!“, fahre ich ihn an, aber ich kann ein kleines Kichern nicht unterdrücken. „Du solltest dir einen Psychiater suchen. Die Frau hat dich echt traumatisiert.“
„Ignorier ihn einfach, meine Liebe“, greift Liam ein und wendet sich an Erin, deren Gesicht dunkelrot geworden ist. „Er hat keine Ahnung, wie man sich benimmt. Er weiß nicht, wo die Grenze ist.“
Er zwinkert ihr zu, bevor er in Richtung Tür geht, und ihre Wangen werden noch einen Hauch dunkler. Das hat nichts mit unangebrachten Fragen zu tun. Ich habe sie diese Woche schon mehrmals dabei erwischt, wie sie Liam Blicke zugeworfen hat. Wüsste ich nicht, dass sie sich dadurch noch unwohler fühlen würde, hätte ich sie gewarnt. Also, wenn sich nicht gerade mein gelangweilter Verstand diesen Funken Interesse in ihren Augen ausgemalt hat, sollte ich sie definitiv warnen. Nur damit das klar ist, ich liebe meinen Bruder. Aber er ist siebenundzwanzig, und Clubschlampen und One-Night-Stands sind alles, was er bisher kennt.
„Okay, hau ab“, sage ich Ben. „Ihr habt alle noch genug Gelegenheit, mich zu überwachen, wenn ihr in fünf Minuten wiederkommt.“
„Gut, alles klar, meine Liebe“, verspricht Ben und rafft sich endlich auf. „Ich habe dir noch jede Menge zu erzählen.“
Während er zusammen mit Liam hinter Jayce den Raum verlässt, höre ich noch, wie mein Bruder sagt: „Ich weiß nicht mal, ob du die schwanzbeißende Tussi flachgelegt hast.“
Ben prustet, und ich bezweifle, dass Erins Gesicht noch dunkler werden könnte, vor allem, als er hinzufügt: „Hatte zu viel Schiss, dass ihre Pussy auch beißt.“
Ich unterdrücke ein Lachen, aber Liam hält sich nicht zurück.
Ihn wieder lachen zu hören, wärmt mir das Herz. Er war ein erbärmliches, erschöpftes Bündel voller Schuldgefühle, seit ich angeschossen worden bin. Ihn gelöst genug zu sehen, um über Bens Kommentare zu lachen, entspannt auch mich.
Sobald sie hinter der Tür verschwunden sind, schiebe ich die Bettlaken runter und den Kittel hoch, und Erin fängt vorsichtig an, meinen Kittel zu lösen.
„Und, wie läuft dein Praktikum?“, frage ich.
„Gut. Sogar sehr gut. Dr. Emerson hat gesagt, dass er keinen Unterschied zwischen mir und den anderen Krankenpflegerinnen sieht, ich bin also echt glücklich. Noch ziemlich nervös wegen der Abschlussprüfungen, aber sie sind der letzte Schritt. Wenn ich bestehe, kann ich endlich anfangen, zu arbeiten. Ich kann es kaum erwarten, ein echtes Gehalt zu verdienen.“ Sie lächelt.
„Das kann ich total verstehen. Wohnst du in Phoenix auf dem Campus?“
Sie studiert dort.
Sie schüttelt den Kopf. „Ich teile mir eine Wohnung mit zwei Freundinnen, schon seit zwei Jahren. Wir verstehen uns gut, aber ich kann es trotzdem kaum erwarten, bald meine eigenen vier Wände zu haben.“
Ich nicke und stimme ihr zu. „Nichts geht über eine eigene Wohnung. Ich hatte echt Glück, dass ich mein ganzes Studium über eine für mich allein hatte. Mein Bruder wollte nicht, dass ich mit Fremden zusammenlebe, also hatte ich nie Mitbewohner. Und ehrlich gesagt ist es toll, Platz für sich zu haben, vor allem, wenn man jahrelang mit seinem Bruder zusammengelebt hat, der andere Brüder hat, die ständig ein und ausgehen.“
„Ihr scheint euch alle ziemlich nahezustehen. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von ihnen besonders viel Schlaf bekommen hat die letzte Woche.“
„Ja, das tun wir“, gebe ich zu und denke an die Jungs, die nicht nur Liams, sondern auch meine Brüder sind. „Sie sind laut und ungehobelt, und ich genieße die Ruhe in meiner Wohnung, aber ich liebe sie trotzdem alle. Sie sind meine Familie. Ich weiß, viele denken, dass ich wegen ihnen und ihres Lebensstils in diesem Krankenhaus gelandet bin, aber das sehe ich nicht so. Um nichts in der Welt würde ich meine Familie tauschen.“
„Es muss schön sein, so tief für so viele Menschen zu empfinden“, meint sie nachdenklich. „So, fertig“, fügt sie hinzu, als sie meinen Kittel zurechtrückt und das Bettlaken wieder hochzieht, um meinen Bauch zu bedecken. „Sieht aus, als würde die Wunde gut verheilen.“
„Super. Ich hoffe wirklich, dass ich morgen gehen kann“, seufze ich.
„Es ist nicht gerade lustig, auf der anderen Seite zu sein, oder?“ Sie zieht eine Grimasse. „Was glaubst du, wann wirst du anfangen können, hier zu arbeiten?“
„Hoffentlich in wenigen Wochen. Wenn es nach mir ginge gleich nächste Woche, aber ich glaube, davon kann ich nur träumen.“ Ich lächle.
„Na ja, wann auch immer das sein wird, ich freue mich schon, mit dir zusammenzuarbeiten. Die anderen Pflegerinnen sind nett, aber die meisten sind schon älter“, flüstert sie mir lächelnd zu, obwohl wir allein sind.
„Und manche von ihnen führen sich auf, als wären sie der Boss hier“, füge ich hinzu.
Sie antwortet mit einem breiten Grinsen auf meinen Kommentar. „Das wollte ich so nicht sagen, aber ja. Hast du sie schon kennengelernt? Ich meine, bevor du als Patientin eingeliefert wurdest?“
„Nein, aber ich weiß, wie das in einer Kleinstadt funktioniert. Obwohl das Krankenhaus etwas außerhalb liegt, läuft es hier nicht anders. Ich wette, die meisten Ärzte und Pfleger haben ihre Karriere hier begonnen und haben vor, sie auch hier zu beenden. Es gibt vermutlich nicht viel Personalwechsel hier. Die Pfleger kennen sich bestimmt gut und sind es gewohnt, miteinander zu arbeiten. Zweifelsohne glauben sie, das wäre ihre Einrichtung.“ Ich grinse.
„So fühlt es sich zumindest an. Aber ich muss zugeben, dass sie gute Lehrer sind. Ich lerne viel hier. Allein deswegen bin ich froh, dass ich Twican gewählt habe.“
„Warum überhaupt Twican?“
„Ich wollte mein letztes Praktikum in einem kleinen Krankenhaus absolvieren, um den Unterschied zu größeren zu sehen. So kann ich nach dem Abschluss besser entscheiden, wo ich mich bewerbe. Aber ich konnte es mir nicht leisten, für noch eine Wohnung Miete zu bezahlen, weil ich die in Phoenix weiterzahle. Meine Eltern wohnen etwa fünfzig Kilometer entfernt, also habe ich einen Praktikumsplatz in der Nähe meiner Heimatstadt gesucht, damit ich währenddessen bei ihnen wohnen kann. Und hier bin ich.“
Ich nicke. „Ich glaube, du hast eine gute Entscheidung getroffen, aber ich bin nicht gerade objektiv, weil ich es hier schon immer toll fand. Und wer weiß, vielleicht geht eine der älteren Pflegerinnen bald in Rente und sie bieten dir die Stelle an.“
„Vielleicht, aber nicht, wenn ich weiter quatsche. Ich sollte mich wieder an die Arbeit machen.“ Sie lächelt. „Ich werde deinen Bruder und deine Freunde wieder reinschicken.“
„Gerne. Danke, Erin.“
Sie dreht sich um und verlässt den Raum, wobei ich einen kurzen Blick auf den Flur voller Chaser werfen kann, die alle hier sind, um mich zu beschützen. Es gibt eigentlich keinen Grund für sie, hier zu sein, da ich nichts als ein Kollateralschaden war. Aber sie hören nicht auf mich, wenn ich sie nach Hause schicke.
„Hey, kleine Schwester. Alles in Ordnung?“
Liam kommt zu mir und zieht sich einen Stuhl her, um sich an mein Bett zu setzen.
„Ja, du solltest also in den Club gehen und dich ordentlich ausruhen“, antworte ich ihm.
Die Ringe unter seinen Augen werden von Tag zu Tag größer und dunkler.
„Das werde ich nicht. Hör auf, mir das zu sagen“, knurrt er.
„Ben kommt gleich mit ein paar Tassen Kaffee und Kuchen oder so“, sagt Jayce.
Weil ich nicht allein im Raum bin, ist also auch er wieder da. Ich würdige ihn keines Blickes. Es ist ein Wunder, dass ich ein Augenrollen unterdrücken kann.
„Er hat gesagt, dass du etwas essen solltest, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das nur eine Ausrede ist, um mehr Kuchen zu bekommen.“
Ich schaue an Liam vorbei und sehe, dass Nate mir zuzwinkert. Camryn ist an seiner Seite, er hat einen Arm locker um ihre Schultern gelegt.
„Bestimmt“, stimme ich ihm zu, bevor ich mich an Cam wende.
„Wochenende?“
„Gott sei Dank, ja. Ich weiß nicht, was diese Woche in sie gefahren ist, aber die Racker waren total aufgedreht. Wahrscheinlich, weil es die erste Schulwoche nach den Weihnachtsferien war.“
Camryn ist Lehrerin, und ich muss sagen, besser sie als ich. Ich liebe Kinder, aber sie sieht manchmal nach der Arbeit echt total erledigt aus.
„Wie sieht es bei dir aus? Wann kommst du hier raus?“
„Hoffentlich bald. Ich fühle mich gut.“
„Es ist noch zu früh“, widerspricht Liam schon wieder.
In dem Moment scheint mir ein Licht aufzugehen. Ich schaue meinen Bruder mit zusammengekniffenen Augen an und drohe ihm anklagend mit dem Finger. „Zwingst du Dr. Emerson etwa, mich länger hierzubehalten? Das will ich mal nicht hoffen. Ich bin Krankenpflegerin, ich kann mich allein umziehen und meine Medikamente nehmen. Ich finde, es ist schon schlimm genug, dass ich Weihnachten und Neujahr hier verbringen musste. Ich will hier weg.“
„Wenn du nicht hier gewesen wärst, hätten wir nie diese wahnsinnig guten Lebkuchen probiert. Einfach köstlich“, sagt Ben, der gerade mit einem Tablett Getränke und Kuchen in den Raum schlendert.
Er stellt es auf dem Tischchen an der Wand ab und ich sage: „Wenn ich hier arbeite, kann ich dir welchen bringen, falls sie den noch mal machen.“
„Ich liebe dich“, antwortet er und legt dramatisch die Hand aufs Herz.
„Und was dich angeht …“ Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder Liam zu. „Du darfst gerne zu mir nach Hause kommen und mir nachspionieren, wann immer du willst“, verspreche ich und hoffe, dass er mich so endlich in Ruhe lässt.
Ein deutliches Schnauben kommt von der Wand neben der Tür. „Du gehst nicht zu dir nach Hause, wenn sie dich hier rauslassen“, sagt Jayce kategorisch.
Ich starre ihm so ernst wie möglich direkt in die Augen. „Ich werde hingehen, wo ich will, sobald sie mich hier rauslassen“, sage ich zu ihm.
Selbst von hier aus kann ich sehen, dass sein Kiefer wütend zuckt, als er mich mit bohrendem Blick kalt anschaut. Aber er verkneift sich, was er mir anscheinend auf Teufel komm raus gern sagen würde.
„Alex“, sagt Liam irgendwann und unterbricht das Blickduell zwischen mir und Jayce. „Es tut mir leid, Schwesterherz, aber ich kann dich nicht alleine zurück in deine Wohnung lassen. Zumindest nicht jetzt.“
„Warum nicht?“, frage ich, weil es für mich keinen Sinn ergibt. „Ich war ein Kollateralschaden, Liam. Ich bin nicht in Gefahr, das weißt du.“
„Erstens bist du immer noch nicht gesund, wenn du entlassen wirst. Ich will ein Auge auf dich haben, bis du völlig genesen bist. Außerdem werden die Spiders bezahlen für das, was sie getan haben, und das werden sie nicht ohne Gegenwehr tun. Im Club bist du besser aufgehoben. Wir bleiben bis auf Weiteres sowieso alle dort.“
Mist. Wenn sie eine Ausgangssperre ausrufen, habe ich nicht die geringste Chance, sie zu überzeugen, mich nach Hause zu lassen.
Ich seufze erneut vor Ärger, als mir eine Idee kommt. „Okay, dann komme ich ohne Widerrede mit in den Club, wenn du aufhörst, Dr. Emerson unter Druck zu setzen, damit er mich länger hierbehält.“
„Ich setze diesen verdammten Arzt gar nicht unter Druck“, sagt er, und ich kneife erneut die Augen zusammen. „Ich schwör’s, Alex, echt nicht.“
Ich beschließe, ihm im Zweifelsfall zu glauben, als mir ein weiterer Gedanke kommt. „Dann übe doch Druck auf ihn aus, damit er mich gehen lässt, und ich komme mit in den Club, ohne Zirkus zu machen.“
„Du wirst dieses Krankenhaus verlassen, sobald er entscheidet, dass es sicher ist.“
Ich werfe Jayce einen scharfen Blick zu, der anscheinend beschlossen hat, nur Dinge zu sagen, die mich ärgern. Aber ich reiße meine Augen von ihm los, als Ben spricht.
„Du – und noch ein paar andere hier – werdet froh sein, zu hören, dass ich den Arzt gerade auf dem Weg hierher getroffen habe. Er hat gemeint, dass er uns in Ruhe unseren kleinen Snack genießen lässt und später nach dir schauen wird. Er hat auch gesagt, dass die Chancen nicht schlecht stehen, dass du morgen früh dieses verdammte Drecksloch verlassen kannst, meine Liebe.“
Was für tolle Neuigkeiten!
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
Er zuckt mit den Schultern. „Es war lustig, dich ein bisschen zu veräppeln.“
Ich verdrehe die Augen, aber dann breitet sich ein triumphierendes Lächeln auf meinen Lippen aus und ich schaue stolz zu Jayce.
Kindisch? Was soll’s. Es kotzt mich an, dass er sich wie Mama Bär aufführt und dabei anscheinend vergisst, dass er mich vor anderthalb Jahren aus seinem Leben geworfen hat.
„Du kommst trotzdem mit in den Club“, gibt er zurück.
„Okay, wie wäre es, wenn wir den Kaffee trinken, bevor er kalt wird?“, schlägt Cam vor und wirft ihrem Bruder einen strafenden Blick zu.
Ihr Bruder. Selbst Monate nachdem ich das herausgefunden habe, kann ich es kaum glauben.
„Hey, es wurde gerade spannend“, jammert Ben übertrieben und meint damit das kleine Gefecht zwischen mir und Jayce.
Ich bemühe mich, den Ärger loszulassen, der anscheinend normal geworden ist, wenn ich mit Jayce spreche, und strecke Ben die Hand hin. „Gib mir ein Stück Kuchen. Wenigstens das darf ich noch, ohne meine unterdrückenden Betreuer vorher um Erlaubnis bitten zu müssen.“
Ich würde vermutlich ein Magenband brauchen, wenn ich noch länger hierbleiben und Ben mich weiter so füttern würde, aber was soll’s, ich muss sowieso für niemanden außer mich selbst auf mein Gewicht achten.