Süße Verführung
von Mona Vara

Erschienen: 03/2009

Genre: Historical Romance, Romantic Comedy
Zusätzlich: Historical, Vanilla

Location: England, Sussex

Seitenanzahl: 456 (Übergröße)

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Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-385-9
ebook: 978-3-86495-386-6

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Süße Verführung


Inhaltsangabe

Die Schottin Sophie McIntosh hat ihrem Vater schon so manches Mal graue Haare gekostet. Als sie gleich ein ganzes Bergwerk einstürzen lässt, platzt ihm der Kragen! Sophie wird strafweise für einige Monate nach Südengland zur strengen Familie ihrer Mutter verbannt.

Doch auch dort steckt sie rasch Hals über Kopf in neuem Ärger: Auf der Suche nach Geistern im verfallenen "Marian Manor" kommt sie einer ganz realen Schmugglerbande auf die Schliche, die von Captain Jonathan Hendricks angeführt wird. Sophie entdeckt, dass nicht nur ihr Vetter Mitglied der Bande ist, sondern offenbar auch der undurchsichtige Wüstling Lord Edward, der zu Sophies Unmut immer wieder ihren Weg kreuzt.

Als sie sich auf ihrer Suche nach den Schmugglern verkleidet während einer der Orgien, die von Captain Hendricks im "Marian Manor" abgehalten werden, einschleicht, wird Sophie enttarnt. Der ebenfalls anwesende Lord Edward erklärt die verdutzte Sophie kurzerhand zu seiner Verlobten, und ehe Sophie weiß, wie ihr geschieht, ist aus ihr Lady Harrington geworden.
Es dauert nicht lange, und Sophie befindet sich in einem verwirrenden Strudel aus Gefahr, Liebe und süßer Verführung ...

Ein romantischer, humorvoller und abenteuerlicher Regency-Roman.

Neuauflage.

Über die Autorin

Mona Vara schrieb jahrelang erfolgreich erotische Liebesromane. Das  Wichtigste beim Schreiben war für sie, Figuren zum Leben zu erwecken, ihnen ganz spezifische Eigenschaften und Charaktere zu geben und ihre Gefühle und Erlebnisse auf eine Art auszudrücken, die sie nicht nur...

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Leseprobe

Szene 1

Edward Harrington hatte dieses Mal ohne besondere Absicht den Weg genommen, der an dem alten Marian Manor vorüberführte, und er wollte schon vorbeireiten, als er das Schnauben eines Pferdes hörte. Er lenkte seinen Hengst um eine Baumgruppe auf das Haus zu und bemerkte tatsächlich eine braune Stute, die etwas vom Haus entfernt an einem Pfahl angebunden war. Und einen Moment später wurde sein Interesse auch schon wie magisch von einem runden Hintern in obszön engen Hosen angezogen, die so geschnitten waren, dass sich die Backen und sogar die Kerbe dazwischen deutlich abzeichneten.
Der Besitzer sowohl des Hinterns als auch...

...der Hosen kniete vor einem offenen Kellerfenster und spähte angeregt hinein. Die Jacke war etwas hochgerutscht, und als der Junge den Kopf hin und her bewegte und den Hals streckte, um besser sehen zu können, gingen seine Hüften auf äußerst provokante Art und Weise mit.
Edward bewegte sich unbehaglich im Sattel, als er sich bewusst wurde, was er da tat: Er gaffte genießerisch den Hintern eines Jungen an. Er sah verlegen weg, blickte aber gleich wieder hin. Was zum Teufel hatte der Knabe beim Kellerfenster verloren? Ausgerechnet bei diesem Haus?
Er stieg ab, band seinen Hengst außerhalb des Zauns an und betrat den Garten. Die zartgliedrige Stute sah ihm entgegen, schnaubte leise, aber Edward strich ihr im Vorübergehen über die Nüstern und den Hals. Sie schüttelte die Mähne, verhielt sich jedoch ruhig, und Edward blieb mit in die Hüften gestemmten Händen hinter dem Kerlchen stehen, dessen Hintern bei näherer Betrachtung noch mehr an Umfang und Reiz gewann. Edward schüttelte über sich selbst den Kopf, als in ihm der irritierende Drang entstand, seine Hände auf diesen ihm entgegengestreckten Körperteil zu legen und darüberzustreicheln.
Jetzt erklang ein unterdrückter Fluch in einer unbekannten Sprache und mit heller Stimme ausgestoßen. Noch ein zweiter, dem Tonfall nach zu urteilen, noch herzhafterer. Edward überlegte noch, wo er ähnliche Flüche schon gehört hatte, als der Junge ein wenig zurückrutschte. Sein Kopf, der bisher im Kellerfenster gesteckt hatte, kam zum Vorschein. Er trug eine Kappe, die, als er sich zurückzog, am Fensterrahmen hängenblieb und neben ihm zu Boden fiel. Langes, hellbraunes Haar quoll darunter hervor, floss über die Schultern und den Rücken. Ein abermaliger Fluch, dann stopften zwei ungeduldige Hände das dichte Haar wieder unter die Kappe und zogen diese so fest über den Kopf, dass sie bis über die Ohren reichte.
Edward hatte zuerst überrascht und dann mit Erleichterung zugesehen. Nun wusste er, was an dem Hintern nicht stimmte. Er gehörte einem Mädchen! Er grinste. Diese Pracht in engen Hosen war also weiblichen Ursprungs. Höchst beruhigend, dass sein Geschmack nicht durch die vollen Formen irregeleitet worden war. Vermutlich war sie irgendeine Farmertochter aus der Umgebung. Vielleicht auch eines der Liebchen der Kerle, die sich hier – meistens nachts – herumtrieben.
Es konnte ihm gleichgültig sein, was dieses Kindchen hier machte, aber diese Kehrseite war einfach zu verlockend, um sich umzudrehen, auf das Pferd zu steigen und wegzureiten. Edward hob schon die Hand, um sie genussvoll klatschend auf eine dieser Backen zu platzieren, als er mit froher Vorahnung bemerkte, dass sich dieser reizende Hintern rückwärts in seine Richtung bewegte. Er hob einen Fuß leicht an. Nur noch ein knapper Schritt. Noch eine Handbreit … und dann stieß der Hintern an seiner Stiefelspitze an. Genau mit der Hosennaht.
Der darauffolgende Schrei hätte Tote zum Leben erwecken können. Er erschreckte die braune Stute, die zur Seite tänzelte, und ließ sogar Edward zusammenzucken. Aber der Anblick, wie die Kleine wie von der Tarantel gestochen wieder nach vorne schoss, sich dabei drehte, hintenüberpurzelte, auf diesem süßen Hintern noch panisch einige Schritte wegrutschte, und wie sich dabei ihre Jacke öffnete, war nicht schlecht. Edwards Blick blieb einige Herzschläge lang an zwei runden, sich erfreulich deutlich abzeichnenden Formen ruhen, bis er dem Mädchen wieder ins Gesicht sah. Er beschloss das Spiel noch ein wenig auszudehnen.
„Hallo, Bengelchen“, meinte er gut gelaunt. „Worauf hast du es abgesehen? Marmelade oder Schinken?“ Er für seinen Teil tendierte in diesem Moment sinnigerweise eher zu Schinken.
Sie rang nach Atem, ihr Busen wogte unter dem dünnen Herrenhemd, und die schönen Augen waren weit aufgerissen.
Er beugte sich zu ihr und hielt ihr die Hand hin. „So haben mein Bruder und ich uns immer als Kinder angeschlichen, wenn wir ausspionieren wollten, ob die Luft auf dem Weg zur Vorratskammer rein war.“
Sie sah ohne sich zu rühren auf seine Hand. Er nickte ihr aufmunternd zu. „Ich helfe dir beim Aufstehen.“
Sie machte eine abwehrende Bewegung, aber Edward griff einfach nach ihrem Arm, hielt sie fest, obwohl sie sich losreißen wollte, und zog sie hoch. Als sie dann stand, fiel es ihm schwer, sie wieder loszulassen. Seine Hand glitt abwärts, bis er nur noch ihre Finger hielt. Er betrachtete sie. Erdig waren sie jetzt, die Fingernägel schmutzig wie bei einem Jungen. Aber schmal und schlank; sehr weich die Haut, als er spielerisch und zärtlich zugleich mit seinem Daumen darüberstreichelte.
„Einer von uns hat immer aufgepasst, und der andere ist in die Vorratskammer gestürmt und hat mitgehen lassen, was unter die Jacke passte“, sprach er weiter. „Lass mal sehen, was du versteckt hast. Er hob die Jacke an und betrachtete wohlgefällig den Anblick darunter.
Sie entriss ihm energisch ihre Hand, sprang einen Schritt zurück und zog sich die Jacke vor dem Körper zusammen. „Was …“, fing sie an. Sie war zwar immer noch erschrocken, aber in den funkelnden Augen erkannte Edward den aufkeimenden Ärger.
So leicht kam sie ihm nicht davon.
„Du bist sicher schmutzig geworden, Kleiner.“ Er nahm sie an den Schultern und drehte sie, ehe sie vor Überraschung noch auf die Idee kam sich zur Wehr zu setzen, herum, bis sie ihm den Rücken zuwandte. Kein Gentleman wäre auf die Idee gekommen, einer Dame dabei behilflich zu sein, Erdkrümel von ihrer Kehrseite zu putzen, aber zum einen war dieser falsche Bengel bestimmt keine Dame, und zum anderen schrie diese außergewöhnliche Gelegenheit geradezu danach, sich diesen Leckerbissen nicht entgehen zu lassen.
Sie hielt vor Verblüffung einen Moment lang still, als Edwards Hand genießerisch Bekanntschaft mit ihrem Hinterteil machte, dann sprang sie einen Satz nach vorn, fuhr herum und funkelte ihn, ihren Hintern mit beiden Händen bedeckend, böse an. „Was fällt Ihnen ein!?“
Er hob unschuldig die Hände. „Ich wollte dir nur helfen, wieder sauber zu werden, Bengelchen.“
Fest und rund. Genauso hatte er es sich gedacht, und genauso liebte er es auch. Perfekt. Lud dazu ein, den störenden Stoff zu entfernen und dieses Hinterteil mit Händen und Mund in Besitz zu nehmen. Er war selbst überrascht über die Heftigkeit, mit der ihn das Verlangen danach packte und ihm die Hitze vor allem in seine intimsten Körperteile trieb.
Aber warum sich beherrschen? Ein Mädchen, das in solcher Kleidung herumlief, war bestimmt kein Kind von Traurigkeit. Er versuchte ihr Alter zu schätzen. Zwanzig? Vielleicht ein Jahr jünger oder älter.
Sie hatte sich in der Zwischenzeit von dem Schrecken erholt. „Wer sind Sie denn überhaupt?! Was fällt Ihnen ein, mir hier aufzulauern und mich … mich abzutätscheln!!! Ich bin kein Junge!“
Edward tat überrascht. „Ach nein? Lass mich nachschauen.“
„Nein!“ Sie wollte zu ihrem Pferd, aber er fing sie ein und drehte sie herum, sodass sie wieder mit dem Rücken zu ihm stand.
„Nicht so schnell. So haben wir nicht gewettet. Zuerst wirst du mir sagen, was du hier zu suchen hast.“
Sie war überraschend kräftig, aber Edward wusste, wie man mit derben Kerlen umging, ganz zu schweigen von einem schlanken Mädchen, das ihm gerade bis zur Nase reichte. Er war immer mehr und mehr davon überzeugt, dass sie zu Jonathan Hendricks Bande gehörte.
„Das geht Sie einen … einen … nichts an! Und nun lassen Sie mich sofort los!“ Jetzt klang etwas Panik mit.
„Ich tue dir nichts“, beschwichtigte er sie. Ein hysterisches Frauenzimmer, das Zeter und Mordio schrie war nicht das, was ihm vorschwebte. Er wollte ja nicht viel von ihr. Nur diesen runden Hintern etwas spüren, noch einmal darüberstreicheln und dann als Draufgabe diese vollen Lippen küssen.
Er fasste nach ihren Handgelenken, bog sie nach vorn und fesselte sie zugleich mit seinem Arm, während er sie mit dem Rücken eng an seine Brust presste. Das Mädchen fühlte sich wirklich gut an. Weich und rund an den richtigen Stellen. Seine freie Hand tastete sich aufwärts, umfasste eine dieser Brüste, massierte sie. Sie trug nur ein leichtes Mieder unter dem Herrenhemd, und er konnte die Rundung und die Erhebung in der Mitte fast so leicht ertasten, als wäre sie nackt gewesen. „Tatsächlich … ein Mädchen.“
„Sofort loslassen! Verschwinden Sie!“ Sie zappelte wie verrückt, versuchte zu treten.
Er zog sie noch etwas enger, neigte den Kopf, ließ sie seinen Atem an ihrer Wange und ihrem Hals und seine wachsende Erregung an ihrem Hinterteil spüren. „Heraus mit der Sprache, was hast du hier verloren? Wolltest du einbrechen?“ Der runde Hintern presste sich an seinen Unterleib. Das war nicht schlecht. Zu schade, dass es nicht seine Art war, einfach über solche Mädchen herzufallen. Die Vorstellung, ihr zu befehlen, sich mit den Händen an der Mauer abzustützen, und ihr dann langsam diese Hose hinunterzuziehen, hatte etwas für sich. „Nun, redest du oder soll ich erst …“
Ihre Antwort bestand aus einem wilden Fauchen. „Was geht Sie das an?! Und hören Sie gefälligst auf, mich zu duzen! Sie … Sie Widerling. Sie abscheulicher …“
„Bin ich denn wirklich so abscheulich …?“
Sie erstarrte, als er sich noch enger an sie drängte, sich an ihr rieb. Und dann wurde sie plötzlich in seinen Armen schlaff. Ihr Kopf fiel nach vorn, und ihre Knie gaben nach.
Edward fasste sie erschrocken fester, als sie in sich zusammensank. Ohnmächtig! Das hatte er nicht erwartet! Er ließ ihre Handgelenke los, wollte sie herumdrehen, sie unter den Knien fassen, um sie hochzuheben und zu einem sauberen Rasenstück zu tragen, als sie, kaum dass sie frei war, mit einem Mal wieder lebendig wurde. Im nächsten Moment wirbelte sie herum, er fühlte eine kleine Faust in seinem Magen, eine andere an seinem Kinn, und dann wurde er so kräftig zurückgestoßen, dass er taumelte.
Halb benommen – mehr vor Überraschung als von den Schlägen – sah er ihr nach, als sie zu ihrem Pferd stürmte, die Zügel löste und aufsprang. Sie wendete ihr Pferd, starrte ihn drohend an und zischte: „Lauf mir nie wieder über den Weg, du dreckiger Sassenach!“
Als er in ihre funkelnden Augen sah, dachte er schon, sie würde versuchen ihn niederzureiten, aber da ließ sie ihre Stute eine elegante Kehrtwendung auf der Hinterhand machen und galoppierte durch das offene Tor und den Waldweg entlang.
Edward sah zu seinem Hengst, der unruhig den Kopf zurückwarf und sich loszureißen versuchte. Sekundenlang überlegte er, ob er ihr nachreiten sollte, aber dann zog er nur seinen Reitanzug zurecht, rieb sich sein Kinn und trat zu dem Fenster, durch das sie geschaut hatte. Er zog es wieder zu, ging zu seinem Pferd und stieg ebenfalls auf. Dann ritt er langsam davon.
Sassenach. Edward lachte leise. Er hatte tatsächlich eine Schottin beim Einbrechen erwischt. Und sie hatte ihn reingelegt, ihm sogar Faustschläge verpasst. So ein kleines Luder. Edward grinste, als er abermals nach seinem Kinn tastete. Das Mädchen gefiel ihm, und er hatte nicht vor, es auf diesem einen Treffen beruhen zu lassen. Jetzt musste er sich nur noch umhören, wo sich zurzeit eine Schottin in Eastbourne aufhielt. Die Kleine war kein Bauernmädchen, das war ihm jetzt klar. Dazu war das Pferd zu kostbar und ihre Aussprache trotz aller … nun … Deutlichkeit und mitsamt dem kleinen Akzent zu gewählt.
Edward begann leise zu pfeifen, als er langsam den Weg entlangritt, auf dem sie davongestürmt war. Das konnte eine interessante Bekanntschaft werden.

Szene 2

„Ihr solltet von dort verschwinden“, sagte Edward verärgert. „Sie wird wieder hinreiten. Die Fuß- und Wagenspuren haben sie misstrauisch gemacht.“
Jonathan zog eine Grimasse. „Dieser Narr Henry ist offenbar nicht in der Lage, sie davon abzuhalten. Das kann aber äußerst ungesund für sie werden.“ Er schlenderte an Edward vorbei, dann sagte er über die Schulter: „Wirst du wirklich mit Sir Winston darüber sprechen?“ Als Edward nicht antwortete, wandte er sich um.
Edward erwiderte kalt seinen Blick. „Das kommt darauf an, Jonathan. Ich bin nicht Teil deines Spieles und ich werde keine Rücksicht darauf nehmen.“ Er ging an Captain Hendricks vorbei und betrat den Ballsaal. Er hatte gesehen, dass Augusta Bailey sich zu Sophie gestellt hatte, auf sie einsprach, und wie diese abwehrend beide Hände hob und vor Schreck ihren Fächer fallen ließ. Dann kam noch Lady Elisabeth hinzu.
Seine Augen wurden schmal. Was ging denn da wieder vor?
„Mrs. Summers wäre bestimmt ganz entzückt, ein schottisches Lied zu hören“, hörte er Augusta in einem süßlichen Ton sagen, als er unauffällig näher kam.
„Eine wirklich bezaubernde Idee, meine Liebe“, mischte sich Lady Elisabeth ein. Sie wandte sich an Mrs. Summers, und Edward konnte dem Gespräch entnehmen, dass Sophies Gesangseinlage so gut wie beschlossen wurde.
Sophie war aufgesprungen und zerrte an dem Kleid ihrer Cousine, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. „Ich werde nicht singen“, flüsterte sie entsetzt. „Augusta, hör bitte auf damit! Das kommt überhaupt nicht in Frage.“
„Sei nicht so ängstlich! Was soll denn schon passieren?“
„Dass die Leute fortlaufen“, ächzte Sophie. „Ich habe es dir schon gesagt: ich kann nicht singen!“
„Ach was!“, fiel jetzt Lady Elisabeth ein. Sie machte eine energische Bewegung. „Nimm dich zusammen. So schlecht kann deine Ausbildung auch wieder nicht gewesen sein. Viel erwartet man zwar nicht, aber du wirst ja hoffentlich noch ein paar Töne aneinanderreihen können. Außerdem habe ich Mrs. Deckfield gesagt, dass du ein schottisches Lied singen wirst, und Mrs. Summers freut sich schon darauf. Du weißt ja, dass sie mit einem Schotten verheiratet war.“
Augusta ließ ihren Blick abfällig über Sophie schweifen. „Es ist nur schade, dass du dein anderes Kleid ruiniert hast. So siehst du etwas armselig aus.“
„Ich habe mein Kleid nicht ruiniert!“, begehrte Sophie auf. „Zumindest ist es nicht von selbst hängen geblieben und zerrissen! Du bist draufgetreten! Du hast das absichtlich gemacht!“
„Wie kannst du dich unterstehen!“ Augusta fuhr Sophie böse an, wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment spielte die Kapelle einen Tusch, und alle sahen auf die Gastgeberin, die in die Mitte des Raumes trat. Augusta gesellte sich mit einem strahlenden Lächeln zu ihr und zog die widerstrebende und blasse Sophie mit sich.
„Miss Augusta Bailey wird meiner Mutter und meinem verstorbenen Vater zu Ehren nun ein ganz besonderes Stück auf dem Klavier spielen“, verkündete Mrs. Deckfield freudig. „Ein schottisches Volkslied, zu dem Miss Sophie McIntosh sie begleiten wird.“ Sie klatschte in die Hände, die anderen Anwesenden taten es ihr nach, und alle Augen richteten sich teils erwartungsvoll, teils gelangweilt auf Sophie und Augusta. Augusta tat sehr wichtig, suchte in den Notenblättern, während Sophie wie erstarrt danebenstand und ängstlich in die Menge guckte.
Edwards Blick hatte das verschreckte, bleiche Gesicht der kleinen Schottin keinen Moment losgelassen. Deshalb also dieses alte Kleidchen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Augusta Bailey durchaus in der Lage gewesen war, dem Malheur etwas nachzuhelfen. Er trat neben Sophie, die sich langsam aus der Erstarrung löste und verzweifelt nach allen Seiten sah – offenbar auf der Suche nach einem Fluchtweg.
Er beugte sich ein wenig zu ihr, als alle Augen und die gesamte Aufmerksamkeit auf Augusta gerichtet waren. „Was ist denn?“ Edward hatte nur eine unbestimmte Ahnung, weshalb er sich einmischte. Es war wohl so eine Art Ritterlichkeit. Vielleicht ein väterliches Gefühl, das … nein, nicht väterlich. Das am allerwenigsten.
„Ich soll singen!“
„Und?“
„Ich kann das aber doch nicht!“ Edward hätte bei dem verzweifelten Ton gegrinst, hätten nicht schon Tränen in den großen Augen gestanden. Das Mädchen war wirklich eine seltsame Mischung aus Keckheit und Ängstlichkeit. „Außerdem sieht mich dann jeder an. Und dieses Kleid ist so alt und gar nicht angemessen.“ Sie sah an sich herab. „Augusta hat … mein Ballkleid hat beim Einsteigen in die Kutsche einen Riss bekommen, und ich musste mich umziehen.“
Edward lächelte sie aufmunternd an. „Das sieht doch sehr hübsch aus. Hübscher als die aufgeputzten Roben der meisten anderen Damen.“ Zumindest war in seinen Augen der Inhalt des Kleides den meisten anderen weit überlegen. „Sie können mir ruhig glauben, Bengelchen. Hm.“ Er rieb sich das Kinn. „Es scheint so, als müssten wir uns etwas einfallen lassen.“
„Sie wollen mir helfen?“ Ihr Blick wurde hoffnungsvoll.
„Ja, lassen Sie mich nachdenken.“ Viele Möglichkeiten, Sophie heil aus dieser Situation zu bekommen, ohne die Gastgeberin zu blamieren, gab es vermutlich nicht.
Sophie begann zu zappeln, dabei ängstlich zu Augusta hinüberschielend, die von einer der älteren Damen in ein Gespräch über Notenschriften gezogen worden war. „So denken Sie doch schneller. Sie wird jeden Moment anfangen zu spielen.“
„Drängen Sie mich nicht so“, wies er sie zurecht. „Außerdem …“, sie tat ihm leid, aber er konnte es sich nicht verkneifen, sie nicht doch zu necken. Sie war so reizend in ihrer Empörung. Sein Blick glitt von ihrem leicht geöffneten Mund über ihren Hals und zu ihrem verhüllten Dekolleté und wieder zurück, blieb an den Lippen hängen. „Außerdem hat das natürlich seinen Preis.“
„Preis?!“
Er tat, als würde er überlegen. „Vielleicht einen Kuss. Ja, das ist angemessen: einen Kuss für meine Hilfe.“
Der köstliche Busen hob sich. „Das … das kommt ja nicht in Frage! Sie sind ein …“
„Ein Gentleman, ich weiß. Mein Angebot ist sehr großzügig – ich hätte auch zwei verlangen können. Also, entscheiden Sie sich. Aber tun Sie es leise, die Leute sehen schon her.“
Sophie blickte halb zornig, halb ängstlich um sich. Ihr Mienenspiel entzückte Edward. „Gut“, stieß sie endlich hervor. „Bringen wir es hinter uns.“ Sie holte tief Luft und hob ihm das Gesicht entgegen, Augen und Lippen fest zusammengekniffen.
Edward hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Dieses Mädchen erstaunte ihn immer wieder. Er hätte seinen besten Portwein darauf verwettet, dass sie entrüstet ablehnte. Dass sie zustimmte, löste eine unerwartete Reaktion in seinem Körper aus, die in seinem Kopf begann und in seinem Schritt endete. Er sah fasziniert auf die zusammengepressten Lippen. Wie gerne wäre er jetzt mit ihr alleine gewesen. Er konnte es kaum erwarten, diese Lippen mit seinen zu erweichen, so lange und zart darüber zu streicheln, bis sie den grimmigen Ausdruck verloren, und sie dann bedächtig und genussvoll mit seiner Zunge zu öffnen, bis sie ihm erlaubte, sie tiefer zu kosten. Der Wunsch stieg in ihm hoch, sie dann noch weiter zu erforschen. Bei ihrem Mund zu beginnen und sich mit den Lippen hinunterzuarbeiten, über diese vom Tuch verdeckten Brüste, bis ganz nach unten. Ihm wurde heiß bei dem Gedanken. Er atmete tief durch und wischte sich über die Stirn. Schweißperlen. Er ließ sich viel zu sehr gehen.
„Nicht hier, Sophie. Das wäre nicht angemessen.“ Wahrhaftig nicht. „Den Zeitpunkt werde ich bestimmen.“ Und er würde ihn auskosten, da konnte sie sicher sein. Sophie machte die Augen wieder auf. Sie wirkte erleichtert und … enttäuscht?
„Jetzt müssen wir uns um Ihr Problem kümmern“, stellte Edward mit gespielter Nüchternheit fest. „Können Sie tanzen?“
„Das wissen Sie doch.“ Sophie wurde langsam ungeduldig. Die Zeit verrann, Augustas Finger hingen drohend über den Klaviertasten, und dieser Mensch hatte immer noch keine Lösung. Es war seltsam, dass sie sich trotzdem sicherer fühlte, seit er neben ihr stand. Ausgerechnet bei einem Mann, der nichts anderes im Kopf hatte, als an ihr herumzutätscheln und sie sogar mit einem Kuss zu erpressen.
„Nein, nicht diese englischen Balltänze“, meinte er ruhig. „Einen schottischen Tanz.“
Sophie blinzelte verwirrt. „Ja, natürlich.“
„Weshalb tanzen Sie dann nicht, anstatt zu singen?“
Sie sah ihn mit offenem Mund an. „Ja … geht das denn?“
„Lady Summers würde ohnehin kaum etwas verstehen, wenn Sie singen. Und Ihrer Cousine Augusta kann es schließlich gleichgültig sein, ob sie Sie zum Tanz oder zum Gesang begleitet.“
„Aber dazu brauche ich zumindest eine zweite Person, die mit mir tanzt.“
„Die Sie hiermit vor sich sehen. Warten Sie, das haben wir gleich.“ Er wandte sich um und setzte sein charmantestes Lächeln auf. „Ladies und Gentlemen, wie mir Miss Sophie soeben gestanden hat, ist sie heute leider stimmlich indisponiert. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass sie stattdessen, um unsere verehrte Mrs. Summers“, er verneigte sich vor der alten Dame, die die Hand hinter das Ohr gelegt hatte und freudig erregt herübersah, „zu ehren, einen echten schottischen Tanz darbietet. Und ich habe das Vergnügen, sie dabei begleiten zu dürfen.“
Er verneigte sich leicht vor Sophie. „Darf ich bitten?“
Die anderen Gäste hatten die Tanzfläche geräumt, und Sophies Lippen zuckten, als er sie weiter in die Mitte des Raumes führte. „Indisponiert? Sagt man hierzulande so dazu, wenn jemand schreit wie ein heiserer Esel?“
Edward konnte nicht anders. Er warf den Kopf zurück und lachte. Dieser Abend machte ihm wahrhaftig Spaß. Er fühlte sich wieder jung und übermütig, als wären die vergangenen Jahre, James Tod und die Umstände, die dazu geführt hatten, ausgelöscht. Er wischte sich noch die Lachtränen aus dem Augenwinkel, als Augusta schon in die Tasten griff. Der Vehemenz nach zu urteilen war sie wütend. Aber das war ihm im Moment gleichgültig. Er würde sich später opfern, mit Augusta tanzen und sie beschwichtigen. Die Aussicht auf einen Kuss von Sophies Lippen war sogar das wert.

Szene 3

Als Henry in die Kutsche steigen wollte, stand Sophie neben ihm.
„Du gehst noch aus?“
„Zu einer … einem F… Fest“, kam es zögernd.
Sophie runzelte die Stirn. Niemand hatte ihr von einem Fest erzählt. Üblicherweise hätte Tante Elisabeth ebenfalls eine Einladung erhalten müssen, wie bei allen Veranstaltungen in dieser Stadt. Von denen es ohnehin nur wenige gab, da Eastbourne zwar den Status eines gepflegten Badeortes innehatte, sich die meisten Festlichkeiten jedoch in Brighton abspielten, wo der Prinzregent weilte, wenn er sich in Sussex aufhielt.
„B… bei Captain Hendricks. Es ist wirklich nur ein Fest, sonst nichts“, setzte Henry hinzu.
Nun wunderte sich Sophie nicht, dass Tante Elisabeth keine Einladung erhalten hatte. Pirat Hendricks bewegte sich natürlich in anderen Kreisen. Sophie erkannte jedoch auch sofort die Möglichkeit, die sich ihr hier bot. Bei einem Fest konnte sie bestimmt unauffällig mit Hendricks sprechen. Vor seinen Gästen konnte er sie weder bedrohen, noch sonst einen Skandal auslösen.
Henry staunte nicht schlecht, als er in die Kutsche stieg und bemerkte, dass hinter ihm Röcke raschelten. Dann erfasste ihn ein zarter Duft, und ein entschlossenes Paar Hände schob ihn weiter, als er mitten in der Kutschentür stockte und über die Schulter zurücksah.
„Lass mich rein, Henry.“
„Was willst du denn?“ Er mochte seine Base, bewunderte sogar ihre Entschlossenheit, aber die Veranstaltung zu der er geladen – oder eher befohlen worden war – war nichts für eine junge, unverheiratete Frau. Und schon gar nicht für diese! Er würde Sophie nur in Gefahr bringen.
„Ich fahre mit!“
„Nein! Das ist nur etwas für Männer. Captain Hendricks lädt manchmal …“ Er beendete den Satz nicht, da es ihm gelungen war, Sophie wegzudrängen und die Kutschentür vor ihrer Nase zuzuschlagen. Er hielt innen den Griff fest, während sie draußen zerrte. „Kutscher! Los geht’s!“ Hektisch klopfte er mit seinem Stock gegen das Dach der Kutsche, die Pferde zogen an, er sah durch das Fenster, dass Sophie loslassen musste und zwei Schritte zur Seite stolperte. Er sank erleichtert in den Sitz zurück. Das hätte ihm gerade noch gefehlt! Sophie bei einer von Jonathan Hendricks Orgien!
Sophie sah der abfahrenden Kutsche grimmig nach, dann öffnete sie den Mund, um Henry etwas nachzubrüllen, aber am Ende überlegte sie es sich anders. Sie hob ihre Röcke und rannte los. Als die Kutsche um die Ecke der Straße bog und langsamer wurde, gelang es ihr, einen der Haltegriffe zu erwischen, an denen sich die hinten stehenden Lakaien festhielten. Ein Sprung, sie zog sich hoch, verfing sich mit ihren Röcken, es gab ein unschönes Geräusch, als der Saum riss, aber dann war sie oben und klammerte sich fest. Sie atmete schneller, zitterte ein bisschen vor Aufregung, aber jener andere, dunkle Teil von ihr – derjenige, der in alten Bergwerken nach Gold suchte und Schmuggler belauschte – jubelte laut auf.
Sie fuhren die Hauptstraße entlang, dann bogen sie in eine schmälere Straße ein, und endlich rumpelte die Kutsche über einen Feldweg und durch einen Wald. Sophie merkte, wie ihre Knie mit der Zeit durch die ungewohnte Haltung und den unebenen Boden zu beben begannen. Sie wollte wahrlich nicht mit den Lakaien tauschen, die sonst hinten standen und durchgeschüttelt wurden.
Als die Kutsche dann jedoch in einen Weg einbog, der Sophie nur zu bekannt war, begann ihr die Sache unheimlich zu werden. Sie kamen an der Stelle vorbei, wo sie Rosalind ein wenig abseits angebunden gehabt hatte. Wo Harrington sie geküsst hatte. Sophies Herz schlug schneller – sie konnte nur nicht sagen, ob es aus Angst war oder aufgrund der Erinnerung an seine Lippen, seinen Atem, seinen Körper. Sie leckte sich über die Lippen, als wäre da noch sein Geschmack. War es wirklich Lord Edward gewesen? Sie schluckte, klammerte sich fester an die Haltegriffe, weil ihr plötzlich schwindlig wurde.
Durchatmen. Das nützte ihr noch jedes Mal. Auch jetzt half es. Sophie konnte wieder leichter denken. Sie waren also zu ihrem Haus unterwegs. Kein Wunder, dass Henry nicht gewollt hatte, dass sie mitkam. Die Kutsche näherte sich Marian Manor. Nur noch einhundert Meter. Was sollte sie nur tun? Abspringen und sich verstecken? Sie waren zweifellos nicht zu einer Gesellschaft unterwegs, wie Henry das behauptet hatte, sondern zu einem Schmugglertreffen!
Sie hatte jedoch zu lange gezögert. Die Kutsche rumpelte auf das Eisentor zu, fuhr hindurch. Jetzt konnte sie nicht mehr abspringen und sich in die Büsche schlagen. Laternen brannten am Parktor. Andere Kutschen warteten, Kutscher und Lakaien standen herum. War es tatsächlich eine Festlichkeit?
Als sie hielten, konnte Sophie einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken. Wie verändert doch das Haus aussah! Alle Fenster waren hell erleuchtet, Fackeln und Lampen warfen wilde Schatten auf Hof und die Fassade. Zwei Diener standen neben dem Eingang.
Henry traf beinahe der Schlag, als er aus der Kutsche stieg und sich Sophie gegenüber sah, die ebenfalls abgesprungen war. „Sophie … was tust du hier?!“
Sie strich sich ihre Röcke glatt, fuhr durch ihre zerzausten Locken, und als ihr Blick auf Henry traf, machte er einen Schritt zurück. Die funkelnden Augen, die zusammengepressten Lippen verhießen nichts Gutes. Sophie war zwar noch ein wenig kleiner als er und von zarter Statur, aber jetzt war sie einschüchternd. Sie trat knapp auf Henry zu, die Augen blitzten selbst noch im Fackellicht, so dass Henry in sich zusammenkroch. Am liebsten wäre er wieder in die Kutsche gestiegen und verschwunden.
„Sophie …“
„Sei still!“ Sie warf ihm einen durchdringenden Blick zu, dann drehte sie auf der Stelle um und schritt in der Manier eines Soldaten, der zum Angriff überging, auf das Haus zu.
„W… wo willst du hin?“, rief Henry entsetzt aus, als sie schon fast die Stufen erreicht hatte, die zum Eingang des Hauses führten.
„Ein Wörtchen mit deinem Freund Hendricks reden“, rief sie über die Schulter zurück. „Die Gelegenheit ist günstig! Und wenn ich schon mal hier bin …!“
„Sophie!“ Dieses Mal erreichte Henrys Befehlston eine Gewalt, die ihn selbst erschreckte. „Du bleibst in der Kutsche und fährst wieder zurück. Schluss jetzt!“ Im Grunde wollte er nicht kommen, aber es blieb ihm nichts übrig. Jonathan Hendricks hatte ihm eine ganz bestimmte Aufgabe zugeteilt. Er sollte mit einem Mittelsmann sprechen und einen Brief weiterleiten.
Sophie marschierte unbeirrt weiter. Den Kutschen und Lakaien nach zu urteilen, hielten sich tatsächlich nicht nur Schmuggler hier auf, sondern auch andere Gäste aus Eastbourne und der Umgebung. Sie hatte ein oder zwei Wappen erkannt. Dies war tatsächlich eine hervorragende Gelegenheit, mit Captain Hendricks zu sprechen und Druck auf ihn auszuüben. Sie war wütend genug, um – zumindest für die nächsten Minuten – ihre Angst und jede Art von Bedenken weit von sich zu schieben.
„Bist du verrückt? Du kannst da nicht rein! Sophie! Das ist nichts für dich! Bleib hier! Sophieee!“ Aber seine Base war bereits an der Tür, ging hocherhobenen Hauptes an den beiden Wachen vorbei und war auch schon drinnen. Henry sah sich zuerst Hilfe suchend um, dann rannte er ihr nach.
Drinnen sah sich Sophie einem Diener gegenüber. Als er sich ihr in den Weg stellte, funkelte sie ihn drohend an. „Mein Name ist Sophie McIntosh“, sagte sie unheilverkündend. „Und“, ließ sie den wenig vertrauenserweckenden Mann ferner wissen, „ich wünsche Captain Hendricks zu sprechen. Und das auf der Stelle!“
Henry wollte sie wieder hinauszerren. „Sophie, du bringst uns beide in Teufels Küche!“
„Das hast du selbst schon getan. Und jetzt werden wir sehen, dass wir dich wieder rausholen. Hör auf zu jammern.“ Sophie bemühte sich, keine Schwäche zu zeigen. Soeben war sie noch wütend gewesen, aber nun, als sie in der Halle stand, war ihr selbst reichlich mulmig zumute. Aber sie hatte von ihrem Vater gelernt, unangenehme Dinge sofort zu erledigen und nicht lange zu überlegen. Alle McIntoshs hielten es so. Außerdem hatte es keinen Sinn, jetzt, wo sie schon einmal hier war, wieder feige umzudrehen und davonzulaufen. Immerhin war sie auch die rechtmäßige Eigentümerin dieses Hauses.
„Warten Sie hier.“ Der Butler, oder was immer er war, ging davon. Eine der Türen in der Halle öffnete sich. Eine kaum bekleidete Frau erschien, kicherte, blickte zurück, kicherte abermals und lief dann quer durch die Halle weiter. Ein völlig nackter Mann tauchte hinter ihr auf, sah sich wild um und lief dann der Frau nach. Sein erregtes Glied stand empor und wippte im Rhythmus seines Schrittes. „Gleich habe ich dich!“
Sophie starrte mit offenem Mund hinterher, bis zuerst die Frau und dann auch die muskulösen Hinterbacken des Mannes hinter einer weiteren Tür verschwunden waren.
„Sophie, wir gehen“, zischte Henry. Er wollte sie fortzerren. Aber Sophie machte sich los. Ihre Neugier war erwacht.
„Was … war das?“
„Das ist die Art, wie Captain Hendricks seine Feste feiert. Glaube mir, Sophie, das ist nichts für dich.“
„Ja, aber …“ Sophie näherte sich der Tür, durch die die beiden gekommen waren. Sie stand jetzt weit offen, drinnen sah man abenteuerlich verkleidete oder vielmehr entkleidete Gestalten. Sophie riss die Augen auf. Hier ging es ja wilder zu als zur Paarungszeit auf der Kuhweide, wenn der Stier losgelassen wurde! Sophie war zwar in gewisser Weise behütet, aber doch in einer natürlichen Umgebung aufgewachsen. Sie hatte gesehen, wie Stuten gedeckt wurden, was die Hunde trieben, wie der Hahn auf der Henne saß. Und sie hatte einmal einen Knecht und eine der Mägde im Stall … Aber noch nie hatte sie einen ganzen Haufen Menschen gesehen, die sich gegenseitig streichelten, sich rieben, küssten und ihre Geschlechtsteile zur Schau stellten! Sophie wusste, dass es Zeit war, sich abzuwenden, aber sie konnte nicht anders als hinstarren.
„Sophie!“ Henry packte sie in seiner Verzweiflung um die Taille, wollte sie mitschleppen, aber da …
„Guten Abend, Henry.“
Henry fuhr herum und riss Sophie mit sich. Vor ihnen, nur zwei Schritte entfernt, stand Jonathan Hendricks. Henry gelang es, die Tür zu dem Raum zuzuschlagen. Aber es wäre nicht mehr nötig gewesen, denn Sophies Aufmerksamkeit wandte sich voll Captain Hendricks zu.

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