Patricia: Der Kuss des Vampirs
von Mona Vara

Erschienen: 09/2014

Genre: Fantasy Romance, Historical Romance, Romantic Comedy
Zusätzlich: Fantasy, Historical, Vanilla
Seitenanzahl: 224


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-129-9
ebook: 978-3-86495-130-5

Preis:
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ebook: 6,99 €[D]

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Patricia: Der Kuss des Vampirs


Inhaltsangabe

Patricia Smith kommt ins Schloss von Maximilian Churtham um dessen umfangreiche Bibliothek zu ordnen. Der mysteriöse Schlossherr lebt sehr zurückgezogen, meidet jedes Zusammentreffen und scheint nur in der Nacht das Haus zu verlassen. Als sie dann endlich eines Tages vor ihm steht, dauert es nicht lange bis sie sich eingestehen muss, dass sie sich seiner hypnotischen Anziehungskraft nicht entziehen kann. Leider hat die Sache einen Haken: Pat hat nämlich allen Grund anzunehmen, dass der Schlossherr ein Vampir ist, der des Nachts unschuldige Mädchen verführt und ihnen das Blut aussaugt! Ihr schrecklicher Verdacht, der von den Dorfbewohnern, die das Schloss und seine Bewohner meiden, geteilt wird, scheint bald darauf bestätigt zu werden. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Lord Gharmond, der eindeutig etwas gegen Vampire hat ...

Über die Autorin

Mona Vara schrieb jahrelang erfolgreich erotische Liebesromane. Das  Wichtigste beim Schreiben war für sie, Figuren zum Leben zu erwecken, ihnen ganz spezifische Eigenschaften und Charaktere zu geben und ihre Gefühle und Erlebnisse auf eine Art auszudrücken, die sie nicht nur...

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Leseprobe

In der Bibliothek brannten noch alle Kerzen. Pat lief zum Bücherregal, kletterte auf die Leiter und zog nach kurzer Suche das gewünschte Buch heraus. Gerade aber, als sie die Bibliothek wieder verlassen wollte, hörte sie Schritte, die schnell näher kamen. Sie wollte auf keinen Fall von Simmons überrascht werden, der eine unangenehm überlegene Art hatte, sie von oben herab anzusehen, und so huschte sie zum nächstgelegenen, von schweren Vorhängen verdeckten Fenster und verbarg sich dahinter.
Keine Sekunde zu früh, denn schon betrat jemand die Bibliothek und machte sich bei den Bücherregalen zu schaffen. Vorsichtig steckte sie die Nase hinter dem...

...Vorhang hervor. Zu ihrer Verblüffung sah sie jedoch nicht Simmons oder einen der anderen ihr schon bekannten Mitbewohner, sondern einen hochgewachsenen Mann, der in Stiefeln und Reitanzug vor der Bücherwand stand, Bücher herausnahm, kurz darin blätterte und sie dann wieder zurückstellte.
Neugierig schob Pat den Vorhang noch ein wenig mehr zur Seite. Der Mann hatte schwarzes Haar. Er trug es unmodisch lang und hielt es am Hinterkopf mit einer schwarzen Schleife zusammen. Sofort fiel ihr wieder dieser geheimnisvolle Fremde ein, den sie während des Gewitters vor dem Schloss gesehen hatte.
„Wünschen Sie vielleicht Tee, Mylord?“ Simmons war hereingekommen, ohne dass Pat ihn bemerkt hatte. Sie zog sich zurück, ehe er oder der andere, der sich nun umwandte, sie entdecken konnten. Mylord? Das konnte doch wohl nicht der alte Schlossherr sein!
„Nein, danke, Simmons. Ich reite noch aus. Ich war lediglich interessiert, ob diese Miss Smith ihre Arbeit auch versteht.“
„Den Eindruck macht mir die junge Dame durchaus“, ließ sich der Butler gemessen vernehmen. „Sie arbeitet auch sehr fleißig, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Mylord, und es scheint kein Fehler gewesen zu sein, ihr diese Stellung übertragen zu haben.“
„Tatsächlich.“ Das klang nicht sehr überzeugt. „Nun gut, ich werde die Arbeit ein andermal überprüfen.“
Pats Augen wurden bei diesen Worten schmal. Überprüfen? Was bildete sich dieser Mensch denn eigentlich ein?
„Jawohl, Mylord.“
Pat hatte erwartet, dass der Mann nun ebenfalls den Raum verlassen würde, aber statt dessen hörte sie, wie er zur rückwärtigen Seite der Bibliothek ging, genau zu dem Bücherregal, wo sie zuletzt diese mysteriösen Geräusche gehört hatte. Sie lugte vorsichtig durch einen kleinen Spalt zwischen den beiden schweren Samtvorhängen. Der Fremde machte sich am Regal zu schaffen, griff nach einem Buch und zog es heraus. Pat hätte beinahe einen überraschten Schrei ausgestoßen, als sich ein Teil der Wand bewegte. Also doch eine Geheimtür!
Der Mann sah sich kurz um, Pat zuckte zurück, dann hörte sie ein schabendes Geräusch und ein kleines Klicken. Als sie wieder hinter dem Vorhang vorzusehen wagte, war die Bibliothek leer und die Geheimtür wieder geschlossen.
Pat wartete noch einige Minuten, aber als draußen alles still blieb, traute sie sich aus ihrem Versteck hervor. Ein unverschämter Kerl! Wagte es, an ihrer Arbeit zu zweifeln! Na, sie würde schon herausfinden, wer dieser unbekannte Nörgler war. Sie stand minutenlang mitten im Raum, mit sich selbst unschlüssig, ob sie nun ihr Zimmer aufsuchen oder lieber diesem aufregenden Geheimnis nachspüren sollte.
Es kostete sie nicht viel Überwindung, sich für das Zweite zu entscheiden, und schon huschte sie auf Zehenspitzen zu der Bücherwand. Sie war zwar vor wenigen Tagen in Panik geflohen, als der Wind das Fenster aufgestoßen hatte, aber so lächerlich würde sie sich heute gewiss nicht benehmen. Sie war schließlich eine gebildete, erwachsene Frau, die nicht an Geister oder übernatürliche Kräfte glaubte, und dieses Mal würde sie dem Rätsel auf die Spur kommen. Sie blickte prüfend auf die Reihen der Bücher. Es war etwa in Kopfhöhe gewesen, wo der Mann dieses Buch herausgezogen hatte. Sie tastete die Reihe entlang, befühlte jeden der dicken Bände. Aber in Kopfhöhe war bei ihm wohl eine Reihe darüber. Sie glitt mit den Fingerspitzen über die Buchrücken. Hier! Dieses Buch hatte zwar ebenso einen Ledereinband wie die anderen, aber es fühlte sich ein bisschen anders an, als würde es nicht frei stehen, sondern befestigt sein. Sie atmete tief durch, fasste mit zwei Händen zu und zog langsam an. Das Buch gab nach. Sie zog ein bisschen fester und plötzlich gab es ein Klicken und dann schwang die Tür auf. Pat musste zur Seite springen, sonst wäre sie ihr gegen die Nase geprallt.
Ein kalter Luftzug drang heraus, ließ die Kerzenflammen flackern, und Pat spähte in ein gähnend schwarzes Loch hinunter. Es waren Stufen zu sehen, die in eine geheimnisvolle Finsternis führten. Was, um alles in der Welt, tat dieser Mann da unten? Er hatte doch das Haus verlassen wollen! Und was mochte wohl in dieser Finsternis verborgen sein? Der Weinkeller? Wohl kaum. Ein geheimer Ausgang? Die Verliese? Ein wohliger Schauer rannte über Pats Rücken. Wie romantisch! Sie war in einer modernen Großstadt geboren und aufgewachsen, wo es schon lange Gaslicht gab, und wo man sogar schon mit Elektrizität, dieser neumodischen Erfindung, herumexperimentierte. Hier konnte natürlich von alldem nicht die Rede sein und der Gedanke an Geheimgänge und Verliese brachte ihre ohnehin schon knospende Fantasie zum Erblühen. Sie nahm einen kleinen Kerzenhalter von einem der Seitentische und schlich zurück zur Treppe. Sie sah sich vorsichtig um, bevor sie näher trat und hinunterlauschte. Nichts, kein Geräusch war zu hören.
Pat zögerte nur eine Sekunde, dann machte sie einen Schritt hinab in die undurchdringliche Finsternis. Sie beugte sich ein wenig vor, als sie sich mit dem Kerzenhalter in der rechten Hand die Steintreppe hinuntertastete. Es gab kein Geländer, sie stützte sich mit der linken Hand an der teilweise schon etwas bröckeligen Mauer ab und zählte mit. Zweiunddreißig ausgetretene Stufen waren es, bis sie unten ankam, und mit jedem Schritt wurde die Luft dumpfer und kälter. Sie fröstelte ein wenig und hielt die Kerze hoch, um besser sehen zu können. Vor ihr lag ein großer Raum, dessen Ausmaße in dem armseligen Licht kaum bis gar nicht auszumachen waren. Sie bemerkte, dass die Decke über ihr aus Gewölben bestand, links und rechts waren Holzkisten gestapelt. Offenbar war jedoch schon lange niemand mehr hier gewesen um Ordnung zu machen, denn überall hingen dicke Spinnweben, die schon seit vielen Jahren nichts anderes einfingen als Staub, und deren Eigentümer gewiss schon vor langer Zeit ins Jenseits hinübergekrabbelt waren.
Ein kleines Geräusch, ein Huschen, ließ sie zusammenzucken. Mäuse vermutlich oder sogar Ratten. Sie schauderte, überwand sich jedoch, da ihre Neugier bei weitem größer war als ihr Ekel, und tastete sich ein Stückchen weiter in die Finsternis hinein. Sie musste vorsichtig sein, denn wenn es hier doch keinen zweiten Ausgang gab, dann musste sich dieser Mann immer noch hier befinden und den Schein ihrer Kerze entdecken. Bei dieser Überlegung runzelte sie die Stirn. Soviel sie gesehen hatte, hatte er allerdings keinen Leuchter in der Hand gehabt.
Sie ging noch einige Schritte weiter. Als sie sich umsah, erkannte sie mit Bestürzung, dass das spärliche Licht der Kerze nicht ausreichte, um den Aufgang mit den Stiegen auszumachen, und sie fühlte sich mit einem Mal nicht mehr tapfer und neugierig, sondern sehr allein in dieser Dunkelheit aus Spinnweben, huschenden Nagern und dem modrigen Geruch halbverfaulter Leichen ...
Leichen?! Sie schüttelte sich und versuchte, diesen absurden Gedanken wegzuschieben. Lächerlich! Weshalb sollte jemand hier Leichen verbergen wollen? Das Schloss wirkte in der Nacht – und manchmal auch tagsüber - zwar unheimlich, aber die Bewohner schienen ganz normal zu sein und hatten absolut nichts Mörderisches an sich. Und nicht einmal dieser geheimnisvolle Fremde, der ihre Arbeit angezweifelt hatte, war ihr gefährlich erschienen. Unsympathisch und anmaßend vielleicht, aber gewiss nicht bedrohlich.
Energisch stapfte sie mit festen Schritten, um sich selbst Mut zu machen, weiter und … erstarrte. Schräg vor ihr stand etwas, das einem Sarkophag zum Verwechseln ähnlich sah, und der Gedanke an Leichen stieg diesmal fast überdeutlich in Pat hoch. Der Deckel war zur Seite geschoben und gab den Blick auf das Innere frei.
In diesem Moment ging ein scharfer Luftzug durch das Gewölbe. Pats Mut sank, als das spärliche Kerzenflämmchen zitterte und zu erlöschen drohte. Angst und Grauen krochen gleichzeitig mit der Kälte, die hier unten herrschte, über ihre Zehenspitzen, die Knöchel empor bis zu ihren Knien und dann weiter, bis sie ihren Magen und ihr Herz erreicht hatten. Alleine schon die Vorstellung, hier im Dunkel zurückzubleiben, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Höchste Zeit, diesen finsteren Ort zu verlassen und in die weitaus hellere und heimeligere Bibliothek zurückzukehren. Sekundenlang zauderte sie, dann ging sie, von einem morbiden Drang geleitet, jedoch noch zwei Schritte weiter und leuchtete in den Sarg hinein. Leer. Sie stieß hörbar den Atem aus. Lächerlich, ihre Ängste. Vielleicht war das gar kein Sarg, sondern nur eine Art Steinkiste, in der die Schlossbewohner früher ihre Schätze oder Lebensmittel versteckt hatten.
Daneben stand noch eine steinerne Kiste. Auch hier war der Deckel verschoben. Pat leuchtete neugierig hinein. Zunächst erkannte sie nichts, aber dann grinste ihr etwas entgegen.
Ein löchriges Gebiss. Und darüber zwei leere Augenhöhlen.
Sie stieß einen kleinen Schrei aus, fuhr zurück, die Kerze fiel ihr aus der Hand, in den Sarg hinein und genau auf den Totenschädel. Dann war es stockfinster. Pat nahm sich nicht mehr die Zeit, die Kerze zu retten, die sie ohnehin nicht mehr entzünden hätte können, sondern suchte in panischem Schrecken ihren Weg durch die Dunkelheit. Sie rannte gegen undefinierbare Gegenstände, die in ihrer aufgepeitschten Fantasie zu herumliegenden Skeletten wurden, schlug sich den Kopf an, stolperte, hetzte weiter, immer in die Richtung, in der sie den Aufgang vermutete.
Als sie endlich gegen eine Wand stieß, wusste sie, dass sie sich verlaufen hatte. Es kostete sie fast übermenschliche Kraft, ruhig stehen zu bleiben und sich zu fassen. Sie musste kühlen Kopf bewahren, mit Panik alleine konnte sie hier nicht herausfinden. Der Luftzug wurde stärker und kälter und sie verkrampfte ihre Finger ineinander. Es war aber nicht alleine dieser Lufthauch, die Särge in ihrem Rücken und die Finsternis, die ihr Angstschauer über den Rücken jagten, sondern die plötzliche Gewissheit, dass sie nicht alleine war. Irgendetwas anderes, Gefährliches und Furchterregendes war außer ihr noch da.
Irgendetwas oder irgendjemand.
Pat versuchte tief durchzuatmen, drehte sich um, wollte sich weiter vortasten, als …
„Was haben Sie hier unten verloren?“
Die Stimme, kaum einen Schritt hinter ihr, war noch nicht verklungen, als Pat auch schon einen markerschütternden, ausdauernden Schrei ausstieß, dann einen Sprung nach vorn machte, über irgendetwas stolperte und der Länge nach hinfiel. Sie rollte sich mit einer Behändigkeit, die sie selbst erstaunte, auf den Rücken, setzte sich auf und starrte mit weitaufgerissenen Augen ins undurchdringliche Dunkel hinein.
Fast eine Minute lang war es vollkommen still und Pat, die vor Angst kaum denken konnte, lauschte mit angehaltenem Atem. Weit über ihr schien etwas zu leuchten, zwei phosphoreszierende Flecken, hellblauen Wolfsaugen gleich, die näher kamen. Dann griff eine Hand nach ihr.
Pat versuchte, sich hastig wieder aufzurappeln, weg von der Gestalt, die wie aus dem Nichts hinter ihr aufgetaucht war. Sie öffnete den Mund, um einen weiteren Schrei auszustoßen, als sich eine kräftige Männerhand darüber legte. Ihr Schrei ging in einem undeutlichen, verzweifelten Gurgeln unter.
„Nein, nicht noch einmal“, hörte sie eine dunkle Stimme nahe an ihrem Ohr. „Nicht noch einmal! Oder wollen Sie, dass das ganze Schloss über uns einstürzt?“
Pat griff nach der Hand, versuchte sie wegzuzerren und zappelte wie verrückt um freizukommen.
„Ich lasse Sie nur los, wenn Sie mir versprechen, nicht wieder einen so infernalischen Schrei auszustoßen“, sagte die dunkle Stimme mit eiserner Entschlossenheit. „Sie wecken ja sämtliche Tote in der Gruft auf.“
Pat nickte schwach, jetzt ohnehin unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben. Die Hand zog sich zurück, dann waren da wieder diese beiden hellblauen, unheimlichen Augen und schließlich flammte eine Kerze auf und Pat konnte im Schein einen Mann erkennen, der knapp neben ihr stand. Sie blinzelte. Den Reitstiefeln nach zu urteilen musste das der Mann sein, der zuvor in der Bibliothek gewesen war.
„So, und jetzt sagen Sie mir, was Sie hier unten zu suchen haben.“
Pat musste sich einige Male räuspern. „Ich ... ich habe die Geheimtür gesehen …“ Sie verschwieg wohlweislich, dass sie sich versteckt und ihn dabei beobachtet hatte, wie er hier hinuntergegangen war. „Und da ...“
„Sie sind nicht nur stimmgewaltig, sondern auch noch dazu neugierig“, vermerkte der Fremde missbilligend.
„Nun ja ...“ Pat raffte sich mit erstarkendem Mut, wenn auch zittrigen Knien, auf und putzte sich Spinnweben und Staub von ihrem Kleid. So sah der geheimnisvolle Fremde also von vorne aus. Nun, er machte zumindest nicht den Eindruck eines Meuchelmörders oder Ungeheuers. Die zitternde Kerzenflamme warf scharfe Schatten auf sein Gesicht, das vermutlich gar nicht so furchterregend gewesen wäre, fand Pat, wenn er sich zu einem freundlichen Lächeln hätte durchringen können. „Ein bisschen neugierig vielleicht, aber das ist in diesem Schloss ja auch kein Wunder.“
„Tatsächlich?“ Die Stimme war kalt und der Blick durchdringend. Pat fand, dass sie noch nie zuvor einen Menschen getroffen hatte, der so schauen konnte. Und dessen Augen so unheimlich glänzten. Zu ihrer Erleichterung hörte sie Schritte und es wurde schnell heller. Es war Simmons, der mit einem großen Kerzenleuchter in der Hand herankam. Der Schein breitete sich beruhigend über die Wände aus und beleuchtete nicht nur Simmons’ wie übliche ausdrucklose Miene, sondern auch den Fremden genauer.
Pat versteinerte im selben Moment. Das war der Mann von dem Bild! Ganz eindeutig! Und hätte er nicht diesen Reitanzug getragen, sondern die dunkelblaue Samtweste eines Edlen des siebzehnten Jahrhunderts, so hätte sie geglaubt, der verstorbene Schlossherr selbst wäre vom Bild gestiegen, um hier vor ihr zu erscheinen. Sie starrte mit offenem Mund und fühlte, wie sich ganz langsam sämtliche Härchen auf ihrem Körper sträubten.
„Ich habe einen Schrei gehört“, sagte Simmons höflich, „und wollte mich davon überzeugen, dass Miss Smith wohlauf ist.“
„Miss Smith vermutlich“, ließ sich ihr neuer Bekannter unterkühlt vernehmen, „aber der Rest des Schlosses wird wahrscheinlich noch tagelang unter tauben Ohren zu leiden haben.“
„Ich bedaure den Vorfall, Mylord“, sagte Simmons, würdevoll bis in die letzte Haarspitze.
Pat gab ein hilfloses Ächzen von sich.
Der Doppelgänger ihres gutaussehenden Ahnherrn wandte sich ihr zu und verbeugte sich ironisch. „Ich habe mich übrigens noch nicht vorgestellt. Ich bin Maximilian Churtham.“
Pat ließ keinen Blick von seinem Gesicht, das dem Mann auf dem Bild so ähnlich war. Nun wäre angesichts der zweihundert Jahre, die zwischen ihnen lagen, schon eine gewisse Familienähnlichkeit überraschend gewesen, aber dass sie das genaue Abbild dieses faszinierenden Mannes vor sich hatte, verblüffte sie bis zur Fassungslosigkeit. „Ich hatte Sie mir älter vorgestellt“, würgte sie hervor.
Von Simmons Seite her kam ein dezentes Räuspern.
„So?“ Der Schlossherr musterte sie von oben bis unten und löste seinen Blick auch nicht von ihr, als er seinen Butler fortwinkte. „Schon gut, Simmons, ich werde die junge Dame hinausbegleiten.“
„Gewiss, Mylord.“ Simmons zog sich zu Pats Missvergnügen mitsamt dem heimeligen Kerzenleuchter wieder in die oberen Regionen zurück, und Pat blieb unsicher neben dem Schlossherrn stehen. Einerseits tat es gut, einen lebendigen Menschen neben sich zu wissen, aber andererseits schien ihr die kleine Kerze doch nur wenig Schutz zu bieten.
Sein Blick wurde noch intensiver. „Darf ich fragen, was Sie bewogen hat, sich zuvor hinter dem Vorhang zu verbergen?“
Pat wurde blutrot und war mit einem Mal wieder dankbar für die schlechte Beleuchtung. „Sie haben mich bemerkt?“
„Sie waren nicht zu übersehen, Miss Smith.“
Sie räusperte sich. „Ich fand mich nicht angemessen gekleidet.“
Churtham blickte an ihr hinab. „Der Schlafrock erschien Ihnen nicht angemessen genug, mir in der Bibliothek zu begegnen, aber durchaus akzeptabel, um mir damit in die Kellergewölbe zu folgen?“
„Sie sind sehr ... ungalant“, brachte sie heraus, während sie ihre eiskalten Zehen in den leichten Pantöffelchen krümmte. „Nicht nur wegen dieser Bemerkung, sondern auch, weil Sie genau wussten, dass ich in der Bibliothek war, als Sie meine Arbeit in Zweifel gezogen haben.“
„Habe ich das? Wie unhöflich von mir.“ Er klang spöttisch und zu Pats Ärger erschien ein arrogantes Lächeln um seine schmalen Lippen, das ihr deutlich zeigte, dass er sich nicht im Geringsten darum kümmerte, ob er eine seiner Bediensteten beleidigt hatte.
Aber Pat war ja keine der üblichen Bediensteten, die darauf angewiesen waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und demütig jede Kränkung erdulden mussten. Wenigstens hatte der Ärger wieder ihre Fassung zurückgebracht. Sie drehte sich auf dem Absatz herum, um energisch Richtung Treppe zu stapfen, war jedoch keine zwei Schritte weit gekommen, als eine Hand nach ihrem Arm griff.
„Aber Miss Smith, Sie sind doch hier heruntergekommen, um sich ein wenig umzusehen. Es wäre schade, wenn Sie diese Gelegenheit, die vielleicht nicht so schnell wiederkommt, versäumten.“
Churtham hatte leise gesprochen, aber Pat zuckte sowohl vor diesem gefährlich sanften Tonfall zurück wie auch vor dem befremdlichen blauen Glitzern in seinen Augen. Es war nicht nur der Schein dieser Kerze, der seine Augen leuchten ließ, sondern das Glimmen kam von ihnen selbst. So wie zuvor, als es völlig dunkel gewesen war. Sie trat zurück. „Ich habe schon genug gesehen“, erwiderte sie, wobei sie ihrer Stimme möglichst Festigkeit zu verleihen suchte. Sie wollte ihren Arm von seinem Griff losmachen, er hielt sie jedoch fest.
„Aber doch nur einen Teil dieser unterirdischen Gewölbe“, entgegnete er, während er sie tiefer hinein in die Dunkelheit zog. „Kommen Sie, Miss Smith. Ich werde Sie mit den Sehenswürdigkeiten dieses Schlosses vertraut machen.“ Er zerrte sie mit sich, vorbei an weiteren Särgen, deren Deckel sich im Licht der Kerze zu bewegen schienen.
Der Weg führte sie durch endlose, einander kreuzende, schaurige Gänge. Pat stolperte hinter Churtham her und versuchte gar nicht erst, sich von ihm loszureißen. Sie wusste nur zu gut, dass sie in dieser Finsternis ohne Kerze nicht mehr hinausfinden konnte, wenn sie sich nicht ohnehin in diesem Labyrinth aus Gängen und Spinnweben verlaufen hätte. Das leise Huschen von Ratten hallte in ihren Ohren und irgendwo tropfte Wasser. Es war feucht und kalt und sie schauderte.
„Es ist unheimlich hier unten, nicht wahr?“ Seine Stimme klang laut durch die Dunkelheit, obwohl er leise sprach. „Hier befand sich einmal ein Friedhof. Das ist allerdings schon so viele hundert Jahre her, sodass sich keiner der jetzt lebenden Menschen daran erinnert. Über die Gräber wurde später eine Kirche gebaut und darunter hat man Katakomben angelegt.“ Er deutete auf einige halb vermoderte Holzsärge und Knochen, die vor Pats entsetzten Augen im Schein der Kerze zu tanzen begannen. „Während einer Epidemie hat man die Leute hier hinunter gelegt, mehrere in einen Sarg, oder einfach nur so hingeworfen. Die Kirche und das Kloster wurden von den Mönchen verlassen, nachdem die Normannen hier Einzug hielten. Einer von ihnen hat dann die Steine der zerstörten Kirche dazu verwendet, um an ihrer Stelle diese Burg zu erbauen. Seitdem wurden diese unterirdischen Gewölbe als Gruft für die Herren dieses alten Gemäuers verwendet.“ Er blieb vor einem großen, steinernen Sarkophag stehen, auf dessen Deckel ein Ritter aus Stein ruhte. Er lag auf dem Rücken, hatte sein Schwert auf sich liegen und hielt den Griff fest zwischen den gefalteten Händen. Churtham ließ die Kerze über der Figur schweben. „Das war einer der ersten Earls of Barlem, Ritter John. Er ist schon seit über fünfhundert Jahren tot.“
Zum ersten Mal, seit er sie hier hinter sich her zerrte, sah er Pat an, die den toten Ritter fasziniert anstarrte. „Wollen Sie ihn sehen, Miss Smith? Soll ich den Deckel für Sie zur Seite schieben, damit Sie sehen, was fünfhundert Jahre aus den sterblichen Überresten eines Menschen machen?“
„Nein!“, sagte Pat entsetzt. Sie hatte wahrlich bereits mehr als genug gesehen.
Churtham musterte sie spöttisch. „Doch nicht neugierig genug, Miss Smith? Oder wollen Sie lieber einen der anderen betrachten?“
„Hören Sie auf damit!“, fuhr Pat ihn an. „Ich will gar nichts mehr hier unten sehen! Ich will sofort wieder hinauf!“ Ihre Stimme hallte schaurig wieder, schien sich in den alten Gewölben zu überschlagen und von allen Seiten wieder auf sie einzudringen. So, als würden die Toten, die hier unten lagen, sie verspotten. „Ich will sofort wieder hinauf!“, wiederholte sie, diesmal allerdings mit einem mitleiderregenden Piepsen, weil ihr vor Angst die Stimme zu versagen drohte.
Churtham musterte sie mit kaltem Hohn, dann ließ er unvermittelt ihren Arm los. „Bitte sehr! Sie können jederzeit wieder hinaufgehen. Ich hindere Sie gewiss nicht daran.“
Pat sah sich panisch um und war drauf und dran, sich an die elegante Reitjacke des Schlossherrn zu krallen. Er war arrogant, grausam und machte sich über sie lustig, aber er war immerhin das einzige noch lebende menschliche Wesen hier unten, und seine Nähe bedeutete eine gewisse – wenn auch dürftige – Sicherheit. „Sie sollten sich schämen, mich so zu behandeln“, stieß sie hervor.
Das unheimliche Glimmen in seinen Augen verstärkte sich. „Es hat Sie niemand aufgefordert, die Geheimtür zu öffnen und hier herunterzukommen“, erwiderte er kalt.
Nun, wenn es danach ging, konnte er Gift darauf nehmen, dass ihr das kein zweites Mal einfallen würde. „Ich will wieder zurück“, sagte sie zittrig.
Sekundenlang bohrte sich Churthams durchdringender Blick in ihren, dann nickte er. „Gut.“ Seine Stimme klang plötzlich ganz anders, der spöttische Tonfall war daraus verschwunden, als er sich umwandte und auf einen der Gänge zuschritt, der Pat wie ein gähnendes schwarzes Tor zur Hölle erschien.
„Von hier sind wir aber nicht gekommen“, wandte sie ein.
„Aber dort geht es auf dem kürzesten Weg hinaus. Nur wenige Stufen und wir sind außerhalb des Schlosses.“ Er sah über seine Schulter. „Oder ziehen Sie es vor, den langen Weg zurück zu nehmen?“
„Nein.“ Pat stolperte hinter ihm drein, verzweifelt versuchend, mit ihm Schritt zu halten. Die Luft veränderte sich mit jedem Moment, wurde reiner, und in den modrigen kalten Geruch, der ihr wohl noch tagelang in der Nase haften bleiben würde, mischte sich jener von Wald und frischer Erde. Sie kletterte hinter dem Earl eine steile Steintreppe hinauf und sah mit Erleichterung einen kleinen Schimmer von Helligkeit. Churtham öffnete, oben angekommen, eine knarrende, mit Eisen beschlagene Holztür, und sie schlüpfte an ihm vorbei hinaus ins Freie, während er hinter ihnen die Tür wieder schloss.
Es war zwar dunkel hier draußen, aber weitaus heller als unten in diesen abscheulichen Gewölben, zwischen all den Särgen. Pat atmete tief die reine Luft von Wald und Wiesen ein und blickte unendlich erleichtert in den nächtlichen sternenübersäten Himmel hinauf. Es zogen Wolken darüber, die von Zeit zu Zeit die Sterne verdeckten, aber Pat hatte sich unter dem freien Himmel noch nie so sicher gefühlt und war so dankbar gewesen für jedes auch noch so kleinste Lichtchen, das sich über ihr zeigte.
„Ich hoffe, dass Ihre Neugier jetzt befriedigt ist“, hörte sie Churthams sarkastische Stimme in ihrem Rücken. „Und Sie nicht mehr in Gefahr sind, auf eigene Faust Erkundungen anzutreten, die Ihnen nicht bekommen könnten.“
Sie wollte ihm eine heftige Antwort geben, als etwas geschah, das sie alles vergessen ließ.
„Aaaahhhhhhh!!“ Im nächsten Moment sprang sie auch schon herum, sich dabei mit beiden Händen das Haar wühlend, in dem sich etwas Entsetzliches verfangen hatte. Es war etwa so groß wie ein Adler, hatte scharfe Krallen und stieß Laute aus, die nichts ähnelten, was Pat jemals gehört hatte.
Churtham ließ die Kerze fallen, versuchte mit der einen Hand Pat den Mund zuzuhalten und mit der anderen nach dem Untier in ihrem Haar zu greifen. „Hören Sie um alles in der Welt mit diesem Todesschrei auf, Sie entsetzliche Person! Sie wecken ja sämtliche Moorleichen auf und schrecken alles im Umkreis von zwanzig Meilen auf!“
Pat gelang es, ihren Mund freizukämpfen. Das Wort Moorleichen war nicht gerade Balsam für ihre Nerven. „WAS IST DAS!!!???“
„Nichts weiter als eine Fledermaus. Eine harmlose kleine Fledermaus!“
„TUN SIE DAS UNTIER WEG! SOFORT!!!“
„Aber Miss Smith, eine unerschrockene Frau wie Sie wird doch nicht etwa Angst vor Fledermäusen haben!“ Seine Stimme klang spöttisch, aber es lag nicht der kalte Hohn darin, der ihr in der Gruft Schauer über den Rücken gejagt hatte, sondern ein kleiner amüsierter Ton, der sie noch mehr aufregte.
„Tun Sie das sofort weg!! Sie reißt mir ja alle Haare aus!!“
„Schon gut, schon gut. Die Leute sagen, dass wäre ein Zeichen dafür, dass Sie in diesem Fall entweder ledig bleiben oder einen unmoralischen Lebenswandel führen werden“, meinte Churtham ironisch, während er das kaum weniger entsetzte Tierchen vorsichtig aus ihrem Haar entfernte. „Wobei ich Ihnen aber zu Zweitem raten würde. Sie haben dann gewiss mehr Spaß am Leben.“ Er betrachtete die Fledermaus eingehend, dann warf er sie in die Luft und sie flatterte eilig davon. „Die Fledermaus soll aus einem Kuss entstanden sein, den der Teufel einem schlafenden Weib gab“, setzte er sinnend hinzu.
„Der Teufel?! Na, der fehlte mir noch“, regte sich Pat auf, während sie versuchte, ihre gesträubten Locken in Ordnung zu bringen. Ihr ganzer Ärger über die Behandlung, die ihr von Churthams Seite zuteil geworden war, die Angst, die sie hatte ausstehen müssen, brachen hervor und sie war drauf und dran, mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen.
„Ach“, Churtham hatte einen rätselhaften Ausdruck in seinen Augen, als er nach einer ihrer Haarsträhnen griff und sie sanft um seinen Finger wickelte, „ich denke, Sie würden einige von seiner Sippe unter Umständen sogar ganz sympathisch zu finden.“
Pat schlug erbost seine Hand weg. „Sie alleine reichen mir völlig! Und es würde mich nicht wundern“, fuhr sie erbittert fort, „wenn diese Fledermaus eine Verwandte von Ihnen wäre!“

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